photo by Le Hoang Nam

Wir fahren durch Winterlandschaften und staunen über den ersten Schnee, der sich wie eine leichte Decke auf alles legt. Nur eine dünne Schicht Kristall, schimmernd im Licht, glitzernd in unseren lebhaften Augen. Plötzlich werden wir ganz kleine Kinder, die den Schnee zum erste Mal im Leben sehen. 

Ich versuche mit dem Smartphone das Bild, was sich vor meinen Augen erstreckt, festzuhalten. Doch dann halte ich inne. Beobachte. Verblüffe. So fein, so leicht, so edel präsentiert sich die Szenerie auf der anderen Seite des ungeputzten Fensters der ICE. Ein paar Schneeflocken segeln in der Luft und genießen ihre Reise, bevor sie ihr Ziel auf einem der kahlen Baumäste erreichen. Gedankenlos strecke ich meine Hand aus und werde von der kalten Fensterscheibe ernüchtert. Draußen baumeln immer mehr Wattebäusche vom Himmel... 

Ich könnte sie berühren, die Schneeflocken durch meine Hand rieseln lassen. Es trennen mich nur ein paar Zentimeter Glas von ihnen. Ich könnte dich berühren, deine Haut durch meine Fingerspitzen gleiten lassen. Es trennt mich nur eine Nachricht von dir. Und vielleicht ein weiterer Moment der Unüberlegtheit, eine Sekunde, in der ich auf meine Sicherheit verzichte, die Augen sachte zuschließe und die Lippen sanft öffne, einmal ein Idiot sein, damit du in dieser Sekunde, in der mein Herz in Feuerwerke aufgeht, eines wirst. Meins. 

Denn manchmal, trotz all dem, was ich mir nachts zuflüstere, bevor ich zu Bett gehe, dass alles seine Gründe hat und dass ich nicht anders handeln konnte, wie mein Kopf es für richtig gehalten hätte, schmecke ich das Salz meiner Tränen und die Bitterkeit der Silben, die meine Lippen nie verlassen konnten. Denn manchmal, da bereue ich es, jemals mein Herz für dich geöffnet zu haben und dass es sich seitdem wie eine Schürfwunde anfühlt, die nur weh tut, wenn man mit den Fingern darüber streift. Man kann mit ihr wie gewohnt leben, laufen, sprechen, lachen, aber gerade dann, wenn man sie vergisst und keinen bunten Pflaster mehr darauf klebt, fasst man sie aus Versehen an und plötzlich merkt man wieder ihre Existenz. Wie sehr er auch aufpasst, ein Tollpatsch stolpert immer, egal, wie leer die Straße ist und wie flach seine Schuhe. 

Hättest du meine Hand genommen, wäre ich vielleicht nicht hingefallen.

Wund. Ich fühle mich wund. 

Und doch heilen manche Wunden vollständig.  

4 Kommentare

  1. "Wie sehr er auch aufpasst, ein Tollpatsch stolpert immer, egal, wie leer die Straße ist und wie flach seine Schuhe. - Hättest du meine Hand genommen, wäre ich vielleicht nicht hingefallen."
    Der Satz gab mir den Rest. Unendliche Empathie für deinen Text.
    Ich weiß, ich bin eigentlich nur irgendeine vertraute Fremde, aber vielleicht hilft eins: deine Gefühle kommen hier auf der anderen Seite des Bildschirms an. Sie bewegen etwas in einem. Und man ist auch irgendwie dankbar dafür. Balsam für das einsame, verwundete Herz. Irgendwie ein geflüstertes Danke an den Blogger, der über mehr schreiben kann, als über ein neues paar schöne Schuhe. Deine Worte treffen einen, ohne dich je kennengelernt zu haben. Vielleicht heilst du jemandes Schmerz damit. Ich bin dein erster Zeuge. Danke Chi!
    Sei weiterhin kreativ & schreib dir Dinge von der Seele. Denn damit erreichst du viele Menschen da draußen, da bin ich mir sicher.

    Ganz viel Liebe & Trost,

    Natsuhatschu ♥

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  2. Ganz ganz toller Text! Wunderbarer Schreibstil! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

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  3. Der Text ist wirklich wunderschön geschrieben! Echt toll.
    Auf meinem Blog gibt es zur Zeit ein Weihnachtsgewinnspiel, vielleicht schaust du ja mal vorbei. ☺
    Liebe Grüße,
    Laura von lauraskreativecke

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  4. Man merkt richtig, dass der Text mit sehr viel Emotionen geschrieben worden ist. Wirklich sehr schöner Text. Ich fühle jedes Mal richtig mit und kann alles so gut nachempfinden.
    Wünsche dir ganz viel Liebe und dass eines Tages diese Wunde fest verheilen wird.

    Liebe Grüße, Chi Chi
    www.ccl-cherryblossom.blogspot.de

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