photo by Le Hoang Nam 

Ich sitze im ICE und warte geduldig darauf, wieder in Berlin anzukommen. Draußen ist alles schon sehr lange dunkel und eigentlich, wenn ich auf das Fenster schaue, blicke ich nur in mein eigenes Spiegelbild. Ein kurzhaariges, blondes Mädchen, die Haare zerzaust, der Lippenstift verschmiert, aber wache Augen, die Hände einen großen Kaffeebecher umklammernd. Mittlerweile trinke ich viel lieber Tee, Ingwertee ohne Milch-Honig-Zucker-etc. ist mein Favorit, er wärmt und ist scharf zugleich. Er kratzt an meinem Rachen und lässt mich manchmal nach Luft schnappen, er erinnert mich daran, dass der Winter bereits an den Türen klopft und dass Einsamkeit sich quasi schon einen Platz in meinem Zimmer ihren eigenen genannt hat. 

Mittlerweile reise ich wieder gern. Im Grunde würde ich am liebsten jede Woche losziehen, irgendwohin fliegen, wo ich noch nie war, oder meinetwegen wo ich schon einmal war, einfach raus aus Berlin in die weite Welt. Irgendwie hat mein Vietnam-Urlaub dieses Jahr meine Sicht auf das Reisen grundlegend verändert. Früher war das Reisen für mich etwas so Luxuriöses, das ich nur ab und an, alle Jahre einmal, vollziehen könnte. Dabei müsste es gar nicht so viel kosten, um die gewohnte Umgebung kurz zu verlassen und einen neuen Ort kennen zu lernen. Eigentlich bräuchte ich nur einen Pass (wobei der nicht immer sein muss), einen Reisepartner, paar Geldscheinen - und los geht's! 

Augen auf, denn draußen ist noch so viel mehr, was du noch nie gesehen hast. Ein neues Essen, zwei neue Freunde, drei neue Geschichten. Du lebst von alten Erinnerungen, aber du wächst an neuen Erlebnissen - und ich will mehr, will weiter laufen, fühlen, genießen. Will mich selbst finden und ich selbst sein, ganz ohne Menschen, die immer auf jemandes Finger schauen müssen, ganz ohne meine alltäglichen Gewohnheiten. Manchmal breite ich meine Arme aus und möchte die Welt umarmen. Manchmal lächle ich mein eigenes Spiegelbild auf der Fensterscheibe der ICE nur an. Der Winter kommt und die Kälte zwängt sich bereits zwischen jede Lücke. Ich fühle mich mitten in einem vollen Zug mutterseelenallein - aber frei. 

Denn eigentlich bin ich glücklich. Die Freude sammle ich auf vom Wegesrand, bei jedem weiteren Schritt, den ich mache. Eben wie wenn man sich bückt, um einen Glückscent aufzunehmen. Jede noch so kleine Münze zaubert ein Lächeln in dein Gesicht. 

3 Kommentare

  1. Hey Chi,
    Ich liebe deine Texte, sie lassen mich immer träumen und ich kann immer ein Stück auf meine Situation übertragen.

    Liebe Grüße von deiner oft stillschweigenden Leserin Amy ��❤

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  2. Sehr, sehr schön geschrieben

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  3. Deine Texte sind einfach nur schön <3 ich liebe deinen schreibstil!

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