Plötzlich wache ich auf und merke, dass mein iPhone schon eine Weile gesummt hat. Mein Schlafmangel erklimmt immer weitere Rekordhöhen und so langsam glaube ich, dass er die Spitze bald erreichen wird. Tagsüber befinde ich mich durchgängig in einer Art Trance, ich rede, laufe, lächele, aber die Augen drohen, jeder Zeit zuzufallen. Die Beine bewegen sich ganz schwer und dass auch nur, um den Oberkörper fortzuschleppen. Ich denke langsamer und kann mir nichts merken. Vergesse, den Wecker zu stellen und und und. Eigentlich habe ich viel zu tun und schaffe kaum etwas. Und am Ende des Tages frage ich mich, was ich denn gerade mit meinem Leben anstelle. 

Jedenfalls wache ich plötzlich auf und merke, dass du mich gerade anrufst. Ich habe nicht viele Nummer in meinem Telefonbuch und fremde Nummer drücke ich grundsätzlich immer weg, bekannte Nummer eigentlich auch. Ich überhöre gern die Anrufe, weil ich mich meistens so unwohl fühle, mich telefonisch mit jemandem zu unterhalten. Das Gefühl, mich ausschließlich auf meine Stimme verlassen zu müssen, macht mich irgendwie fertig. Persönliche Gespräche mit Mimik und Gestik - das geht. E-Mails mit ewig langen Vertragsverhandlungen - gehen auch. Aber einen Anruf entgegen zu nehmen, empfinde ich als eine Qual. Aber gerade erscheint dein Name auf meinem Bildschirm und das iPhone surrt immer ungeduldiger. Mutig ziehe ich den Balken nach rechts und flüstere fast: "Hallo anh*."

Stille. Du räusperst dich auf der anderen Seite der Leitung. Ich glaube, du bist überrascht, mich telefonisch erreichen zu können. "Du klingst so lieblich." "Ah nein, bin nur müde, was gibt's denn?" Dann folgt ein Dialog, an den ich mich zwei Minuten später nicht mehr erinnern kann: gewollte Lachansätze, ganz viele Wie-geht's und Mir-geht-es-gut und Wie-läuft-das-Leben und Und-bei-dir. Wenn man wirklich beieinander sein möchte, wird man einen Weg finden. Aber manchmal mag man jemanden, man mag ihn ehrlich und richtig gern, und doch wird daraus nie etwas, weil die jeweiligen Wellen unterschiedliche Frequenzen besitzen. So ist das zwischen dir und mir. So war es schon immer und wird es auch immer sein, möchte ich dir jetzt sagen - am Telefon. Stattdessen quassele ich irgendetwas über Hausaufgaben und dass ich auflegen müsste. 

Ich hätte gerne den Mut, Nein auf Fragen zu antworten, die nicht gestellt werden und doch im Raum schweben. Den Willen, die Freundschaft zwischen uns aufzubauen. Oder die Geduld, bis sich vielleicht eines Tages etwas ändert. Ich hätte dich gerne als Freund, den ich anrufen kann, wenn es mir nicht gut gehe. Dich als jemanden, dem ich ganz ohne nachzudenken schreiben kann: "So müde heute, Lust auf einen Kaffee, mit mir?"

Stattdessen lasse ich alles lustlos weiterlaufen, wie es schon die letzten Monate schleppend lief, und ärgere mich über Chancen, die aufpoppen und verschwinden, über Gefühle, die sich ständig ändern, und über die Beziehung zwischen uns, der ich keinen gescheiten Namen geben könnte. Irgendwie scheint es plötzlich, tröstlich zu sein, dass wir in 10 Jahren zurückblicken und darüber lachen können. Hoffentlich gemeinsam. Ruf mich in 10 Jahren an und trink einen Kaffee. Mit mir.  

*anh: vietnamesisch, Anrede für männliche Personen, die etwas älter sind

6 Kommentare

  1. So ein schöner Text! Du sprichst mir wirklich aus der Seele. Ich bin gerade in einer ähnlichen Sitution und kann mich richtig in deinem Text wieder finden.

    Liebe Grüße
    Caro
    http://perfectionofglam.blogspot.de

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  2. Ein wundervoller text! Man merkt die Verzweiflung dem Text heraus und das ist was ich an diesem Text so liebe. Ein fantastischer Text - direkt aus der Seele heraus geschrieben.

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  3. Ich muss auch zugeben, dass ich den Text sehr schön finde. Klasse geschrieben!

    Liebe Grüße
    jelaegbe.blogspot.de

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  4. Werte Dame, nur Mut ....mehr Motivation. Verschiebe nichts auf später....später wann ist das? Wenn es vielleicht doch zu spät ist, wenn die Dinge nicht mehr so leicht sind, wenn du melancholisch zurück blickst, auf genau diesen Moment und dir wünscht, du hättest es getan, gesagt. Die Zeit rennt, verschluckt uns und am Ende bereuen wir so unendlich vieles. Also vergiss die 10 Jahre und sag einfach, bis gleich und dann soll dir selbst das "gleich" noch zu lange dauern.

    Liebe Grüße das kleine Nordlicht ;)

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  5. Liebe Chi,

    du hast eine sehr schöne Art, deine Gefühle in Worte zu fassen. Ich lese sie sehr sehr gerne. Ich kenne deinen Blog noch von "früher", da war es eben ein Modeblog mit schönen Bildern unter 1000 Modeblogs mit schönen Bildern und es ist ehrlich gesagt reiner Zufall, dass ich ab und zu darauf klickte und es nicht gelassen habe. Jetzt lasse ich meine Blick nur noch über deine Bilder schweifen und mich lieber von deinen Worten in Situationen versetzen. Das ist unglaublich schön. Ein bisschen Sex and the city ohne Sex und Carrie, dafür mit "dem" Leben und Chi. Schreib gerne mehr - für uns und für dich. Denn dass Schreiben hilft, weißt du bestimmt selbst.
    Eine virtuelle Umarmung von
    Anne

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  6. Chi ich find deinen Text einfach nur super! Ich fühl mit dir bin gerade in einer sehr ähnlichen Situation und schick dir ganz viel Liebe <3

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