photo by MINH SAM NGUYEN

Ich blicke dir noch lange hinterher, nachdem du uns den Rücken zugekehrt hast, und kann mich nicht entscheiden, ob ich meinen Tränen freien Lauf lassen sollte oder nicht. Du läufst von mir weg, dein Gang ganz bestimmt und doch irgendwie ziellos, deine schmale Silhouette in dem gewohnten Blazer, deine Hände in der Tasche. Du schaust nicht zurück und ich zwinge mich dazu, dir nicht hinterher zu laufen und dich weinend in den Arm zu nehmen. Irgendwie kommt der Abschied gerade doch so plötzlich und ich kann es nicht fassen, dass unsere Wege sich wahrscheinlich für immer trennen sollten. Die halbe Welt zwischen uns. 10 Stunden Flug. Du gehst, einfach so, weg von mir. 

Und ich vermisse dich eigentlich nicht mehr. Denn Facebook ist ja noch da, und Snapchat, und eigentlich haben wir uns früher auch nur selten gesehen. Aber heute hat es in Berlin gestürmt, es gab Hagel und starken Regen und so viel Wind, wie bei dir zur Zeit auch. Die Straßen waren nass, die Häuser wurden nass, meine Schuhe, und irgendwann später auch mein Gesicht, nachdem der Regenschirm seinen Geist aufgegeben hat. Ich glaube, es waren keine Tränen, aber garantieren kann ich nichts, vielleicht schmeckte der Regen heute salzig?! Vielleicht regnet es bei dir gerade auch, während du im Auto sitzt und die Stadt wieder kennenlernst, die ich so lieb gewonnen habe, von der mittlerweile nur Erinnerungen wirklich scharf sind. 

Nachmittag, Sturm, schwarze Wolken über mich und um mich herum und die Menschen verschmelzen ineinander zu einer einzigen Menge und vor mir einfach nur Nässe. Die Kirchenglocken läuten irgendwo ganz fern und ich höre nur Regen, Hupen, deine Stimme. Der Pizzageruch von dem kleinen Imbiss an der Ecke findet irgendwie den Weg zu mir und erinnert an gegrillte Maiskolben an einem Wintertag, dort bei dir. Vielleicht hast du dich schon wieder an die hohe Luftfeuchtigkeit gewöhnt, vielleicht hast du noch Jetlag, vielleicht genießt du das Leben. 

Ich schlucke. Und schaue dir hinterher, bis dein Auto hinter der Ecke verschwindet und noch ein wenig länger. Ein bisschen hoffe ich, dass du wieder zurückkommst und das alles nur ein Scherz sei. Pack den Koffer und nimm mit: Zahnbürste und Kleider und einen Teil von mir. Von uns. Manchmal schließt man jemanden wirklich ins Herz und merkt es nicht einmal. Und natürlich vermisse ich dich. Facebook und Snapchat sind nichts, wenn du nicht mehr da bist.

Nimm mit: Zahnbürste und Kleider und einen Teil von mir. Von uns. 

// Für K. 

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