RAD sweater* / fotos by MINH SAM NGUYEN

Gestern ist mein Facebook-Feed vor zig Tausenden Versionen der Nachricht, dass Essena O'Neill Instagram verlässt, explodiert. Jede noch so kleine Webseite berichtet davon, will ein Stück vom Kuchen haben, und ich dachte mir: Das mache ich heute einfach auch. Ich setze ihren Namen mal in den Titel, schreibe ein bisschen über sie, wo sie gerade in diesem Moment wahrscheinlich das berühmteste Mädchen des Internets ist, und lasse meinen Blog von Google hochranken. Denn vorweg: Ich will die Social Media nicht verlassen. Ich lasse mich gern von ihr treiben, inspirieren, mit Gleichgesinnten verbinden. Bei fast 10k Followers auf Instagram war Essena O'Neill gestern noch 50-mal größer als ich und scheinbar weniger frei. Man hat durch ihre eigenen Worte das Gefühl, als wenn jeder Follower, der dazu gekommen ist, sie einen Schritt in eine bestimmte Ecke des Zimmers drängt, das sie sich zwar selbst gebaut aber irgendwann nicht mehr in Griff hat. DAS PERFEKTE INSTAGRAM-LEBEN. Blonde australische Beachwaves, ein flacher Bauch, überhaupt: diese wahnsinnig tolle Figur. Und blaue Augen wie das Meer. Essena war das perfekte Beispiel für das Mädchenideal auf Instagram, verdient durch Werbeaufträge Unmengen an Geld und nun geht sie einfach. WEIL SIE PLÖTZLICH DIE NASE VOLL VON DIESER WELT HAT? 

Wenn das wahr wäre, hätte sie doch wohl nicht genau diesen Augenblick gewählt, um ihre neue Webseite zu launchen. Auch dafür war viel Vorbereitung notwendig. Doch noch vor einigen Tagen postete Essena noch "ganz normal" neue Inhalte auf Instagram, um gestern dann - BOOM! - alles fallen zu lassen. Das ist doch verrückt und die Welt steht Kopf. Essena ist immer noch so schön wie nie, aber nun auch noch authentisch, ehrlich und intelligent. Sie schreibt, macht sich Gedanken um bekannte Weltprobleme und bekommt zufälligerweise so die beste Werbung für ihr neues "letsbegamechangers"-Projekt. Respekt war das Erste, was mir in den Sinn kam. Beste PR-Schachzug im November, vermutlich, und das schon direkt am Anfang des Monats. Ja, dazu braucht man sicher viel Intelligenz - und Mut. 500k Followers zu verlieren, um noch mehr Reichweite zu generieren, auf die Idee kommen sicher nicht so viele Menschen. WARUM?


Weil es unkonventionell ist. Zu viele Risiken. Warum sollte man darauf verzichten, 2000 USD / Bild zu bekommen? Macht für mich persönlich keinen Sinn. Ich hätte viel eher das Geld genommen, um Yoga-Unterricht, einen Psychologen und einen Trainer finanziert, die sich um mich und meine Physik sowie Psyche kümmern. Denn wenn man sich so abhängig von der Social Media fühlt, dann hat man tatsächlich ein Problem mit ihr. Ich wiederhole: Man selbst hat ein Problem mit der Social Media. NICHT DIE SOCIAL MEDIA IST SCHULD, sondern man selbst ist zu schwach, mit ihr umzugehen. Weder Youtube noch Instagram noch Facebook noch Snapchat hat die Macht, jemanden dazu zwingen, zu posten, zu schauspielern. Wir müssen alle selbst DAS RICHTIGE MAß finden, uns selbst schulen, den "richtigen" Weg für jeden von uns individuell zu finden. Wenn du mit etwas, was ausschließlich im Internet stattfindet, schon nicht klar kommst, was machst du mit deinem restlichen Leben? Es existieren doch so viele Fallen da draußen, oder? Wenn ich jetzt, wir übertreiben mal, z.B. drogenabhängig wäre, würdet ihr doch auch nicht sagen, dass die Drogen Schuld seien, sondern ich selbst. Oder? Genauso ist das mit der Social Media, die existiert eben neben unserer wirklichen Realität und lässt sich durch uns selbst formen - ähnlich wie unser Lebenslauf. Wir sind selbst dafür verantwortlich. 




Schon seit einiger Zeit lese ich nicht mehr täglich Blogs oder schaue Youtube. Nicht weil ich das für Zeitverschwendung halte, sondern weil mein Tag nur eine begrenzte Anzahl an Stunden hat und ich sie anders aufteilen will. Mich mehr real engagieren, statt nur vorm PC zu hocken und Make-Up-Tricks zu lernen, obwohl mir das unheimlich viel Spaß bereitet. Ich bin dadurch nicht ein besserer Mensch geworden und meinem Erwachsensein auch nicht näher gekommen, aber genau hier und jetzt fühle ich mich so mehr ich. Mehr reden, weniger chatten. Mehr gehen, weniger scrollen. Mehr Komplimente geben, statt nur Likes. Beides ist gut, derzeit mag ich aber Ersteres. Und das ist keine schwierigen Lektion, sondern lediglich nur eine Entscheidung, wie man die Social Media nutzen will. Wenn ich blond und schlank und sportlich wäre, dann wäre das für mich ein Privileg und wenn ich damit mein Essen verdienen kann, dann ist das eine schöne Sache. Verändern wir die Social Media um uns herum, statt ihr den Rücken zu kehren, wie wär's, Essena? Du hörst auf, für andere Marken zu werben, um anschließend doch immer noch für dich selbst zu promoten? Du willst uns davon überzeugen, dass du diese unechte Welt verlassen willst? DAS KAUFE ICH DIR NICHT AB. 
 

Diese Meinung schreibe ich nicht so auf, um aus Prinzip gegen den Strom zu schwimmen. Denn mal ehrlich: Die Menschheit entwickelt sich und passt sich an. Mittlerweile fliegen wir in Flugzeugen und telefonieren mit einem Smartphone. Das ist gut, solange wir uns nicht selbst zu Opfern machen. Finde für dich das richtige Maß und alles ist fein. Nutze die Entwicklungen, um dein Leben zu bereichern, oder verzichte auf sie, wenn du sie nicht brauchst. Aber urteile nicht zu schnell, grenze nicht gleich alles aus, sei nicht extrem. Passe dich an und sei ehrlich zu der Welt, genieße das Leben, on- und offline. Mein Pulli sagt heute "good times" und genauso fühle ich mich, ganz ohne eine monetäre Vergütung. Hab einen schönen Tag :).

12 Kommentare

  1. Sehr sehr gut geschrieben und total auf den Punkt gebracht, liebe Chi. Genau das habe ich mir gestern so oder so ähnlich auch gedacht, nachdem ich mir das Video in voller Länge bis zum Schluss reingezogen habe. Meiner Meinung nach hat sie ein total desillusioniertes Weltbild und verallgemeinert viel zu stark ihre Umgebung, so als ob wir alle total süchtig danach wären und durchweg im Internet nach Anerkennung suchen... und als sie angefangen hat zu weinen, musste ich einfach nur die Augen verdrehen. Ihre Argumente waren nicht stichhaltig, das Video war unstrukturiert und sie kann von heute auf morgen ihre Miete nicht mehr zahlen?! Hmmm... Naja soll sie rausgehen in die Welt, jeden Stranger anlabern (ihre letzte Aufforderung am Ende des Videos) und hoffen, dass sie dadurch das Glück wieder findet. Oder sie nutzt einfach ihre hart erarbeitete Reichweite und macht irgendetwas "sinnvolles" damit.

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  2. Stimme dir da vollkommen zu. Social Media ist ja nur ein Medium, was man damit macht, ist am Ende dann doch einem selbst ueberlassen. So wie sie alles akribisch vorbereitet hat, muss einen doch zu wundern geben. Erst heimlich Captions aendern, Seiten aufbauen, das geht nicht so einfach von heute auf morgen. Und vor allem unsere Generation spricht es wohl auch weniger an, die nicht gerade mit Social Media im Babybrei aufgewachsen sind. Viele ihrer jungen Follower werden sicher auch von dieser Message wieder mitgerissen werden, ihre Eltern anbetteln fuer sie zu Spenden, damit sie doch weiterhin so authentisch leben kann. Wie waers damit weiterzustudieren?

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  3. Toller Post, liebe Chi! Ich muss dir echt zustimmen, du hast es auf den Punkt gebracht.

    Liebste Grüße,
    Nena
    http://nenangyn.blogspot.co.at

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  4. Ich kenn die gute Frau nicht von der Du redest, aber ich stimme dir mega zu in der Hinsicht das wir einfach die Balance zwischen Internet und real Life finden müssen. Es gibt so viele Menschen die kein Facebook Instagram und Co haben und auch glücklich sind also warum von Social Media stressen lassen? Mich nervt das mach mal echt mega und versuche da auch immer einen Mittelweg zu gehen. Daumen hoch für deinen Post! <3

    Liebe Grüße aus dem Urlaub :)
    Deine Jasmin von nimsajx.blogspot.de

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  5. Den Gedanken, der hinter deinem Eintrag steht, finde ich gut. Aber einige Sätze sind verdammt unglücklich formuliert.
    Mal ganz unabhängig davon, was das Mädchen nun macht bzw. gemacht hat, finde ich es sehr pietätlos zu sagen, dass man doch lieber das Geld nehmen und davon einen Psychologen bezahlen soll. Der kümmert ja um alles. Dem kann ich nur widersprechen. Es ist zum Einen ein großer Schritt, den man gehen muss, um sich professionelle Hilfe zu suchen. Nicht jeder, der diese benötigt, kommt auf dem Gedanken, sondern denkt sich, dass man das doch alleine hinbekommt. Zum Anderen ist eine Therapie viel Arbeit - mit dem Therapeuten, mit sich selbst. Das macht man nicht mal so nebenbei. Und, wenn ein Teil der Therapie darin besteht, sich extrem zu verhalten, seine Gefühl einfach mal ohne Rücksicht auf Verluste zu zeigen, dann sollte man dies nicht verteufeln. Es ist für die Umgebung fremd, das stimmt. Aber für den Menschen ist es ein unglaublich großer Schritt einfach mal sein zu können, wie er wirklich ist.

    Kurz zum eigentlichen Thema:
    Viele Blogger wissen, glaube ich, gar nicht, dass sie sich von den (sozialen) Medien beeinflussen lassen. Das Handy ist einfach da und wie schnell greift man selber in der Bahn danach, um mal eben Mails zu checken, bei Twitter reinzugucken etc. pp. Die Kunst dahinter liegt wirklich - und das stimme ich dir zu 100 % zu - einfach mal "Nein" zu diesen Medien zu sagen und aus dem Fenster zu gucken, wenn man in der Bahn sitzt. Viele haben das verlernt, was man ja schon allein beim Spazieren in der Fußgängerzone sieht. ;) Es gibt so verdammt viele soziale Medien, dass wir dieser Reizüberflutung kaum noch Herr werden. Dabei machen wir uns Stress, der gar nicht sein muss. Einfach mal abschlaten und unerreichbar sein, das bringt's.

    LG
    Christin

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  6. Ich finden Deinen Post wirklich super! Auch ich habe mir ähnliche Gedanken gemacht. Das Video ist meiner Meinung nach so falsch wie es falscher nicht sein kann. Ausstieg heißt raus, alles löschen, KEINE neuen Online-Projekte anfangen etc. Und ihre Argumente sind dieselben wie die der Mädels, die sich von den Covern großer Magazine einschüchtern lassen. Und vielleicht ist es in ihrem Alter auch nicht verkehrt Selbstzweifel zu haben. Deshalb gebe ich Dir recht: Das Geld nehmen, zum Therapeuten gehen und sein Leben genießen. Social Media kann genauso abhängig machen wie Rauchen. Und ich persönlich kenne Menschen, die von einem Tag auf den anderen mit dem Rauchen aufgehört haben. Insofern... Viel zu viel Bühne für eine heranwachsende Persönlichkeit, die so vielen Menschen etwas vormacht. Und eine geniale PR-Aktion!

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  7. Chi, das ist einer der besten Artikel, die ich über diesen "ich höre auf mit Social Media"-Quatsch gelesen habe! Du bringst es auf den Punkt, nicht Social Media an sich ist das Problem, sondern das, was wir daraus machen! Ich find es super, dass du das so herausstellst und nicht einfach eine "anti"-Meinung vertrisst, sondern auch belegst, wieso du es ihr nicht abkaufst und deine Stellung dazu beziehst! Ich werd deinen Beitrag auf jeden Fall teilen, wenn ich darf!?

    Sag mal ich stell gerade fest - wir haben uns viel zu lange nicht mehr gesehen...
    Wie geht's dir so? Wir wohnen beide in Berlin, aber schaffen es nicht, uns mal zu sehen!? Treffen? Nächste Woche?
    Meld dich mal! Liebe Grüße, Anna

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  8. Das war auch mein Gedanke dazu... "Super PR-Schachzug!" Denn: Ich hab nie zuvor von Essena gehört. Sie war mich schlicht unbekannt, wie wahrscheinlich sehr vielen Menschen. Aber dadurch, dass einfach jedes Magazin darüber schrieb, auf Facebook veröffentlichte und alle ihre "Geschichte" wie verrückt teilten, schaffte sie es, dass auch ich ihr Instagram-Profil anschaute und ihre neue Webseite (!!!), wie wahrscheinlich sehr viele andere Menschen auch. Ziel erreicht, würde ich sagen!
    LG

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  9. Das hast du genau richtig geschrieben!
    Unterschreibe ich zu 100% und schicke dir ein großes Dankeschön!!!

    Greetings & Love
    Ines

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  10. Alle schreiben, sie stimmen dir zu, aber ich muss sagen, dass ich dieses Thema aus dieser Perpektive/Meinung so noch gar nicht betrachtet habe. In einigen Punkten kann ich dir zustimmen, auch wenn Social media an sich nicht Schuld ist, ist es glaub ich trotzdem es psyschologisches Problem, trotz Psychologen :) Es ist wie eine Sucht, aber vielleicht sind wir wirklich nur zu schwach um damit umzugehen,aber mit einer Aussage von Essena muss ich wirklich sagen, dass die Leute, die auf ihren Bildern nur ein unbeschwertes Leben haben, für Leute ein Idol sind und dass das nicht alles fake sein muss, aber bei Leuten, die das nur für Geld machen definitiv fake ist.
    Liebe Grüße
    Verena

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  11. ich habe von dem mädchen vorher nichts gehört, obwohl ich auch auf instagram bin. aber auch als sie aufgehört hat, hatte ich davon keine ahnung. aber du hast recht, das ist echt ein perfekter PR-schachzug. sehr intelligent gewählt, wenngleich ich auch zustimmen kann, dass es unkonventionell ist und in die hose hätte gehen können. auf der anderen seite finde ich es aber auch unehrlich. sie tut so als will sie die scheinwelt verlassen aber nutzt doch eben das um weiterzumachen. ich will nicht sein wie sie. ich will ehrlich und authentisch sein und alles genau so meinen wie ich es sage oder schreibe. wenn ich dann auch nicht 2000 USD pro bild machen kann, ist es mir wurschd. ich mag mir einfach noch selbst in den spiegel schauen können.

    liebe grüße
    dahi

    p.s. du bist wunderschön

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  12. Hallo Chi,
    ich bin auch der Meinung, dass es viel besser ist, auf seine eigene Social-Media-Aktivität zu achten, statt sie für das "Schlechte" verantwortlich zu machen. Man muss das alles einfach differenziert sehen können...
    Liebe Grüße,
    Jean

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