Er stand da, unbeholfen und wartend, neben seinem Rollstuhl am unteren Ende der Treppe. Ich war auf dem Weg in die Stadt, um mich mit einer Freundin zum ersten Eis des Jahres zu treffen und sah ihn gleich, als ich die Treppe hinunter ging. Intuitiv machte ich mein Snapchat aus, packte das Smartphone weg und wollte helfen. Der Mann schaute emotionslos nach oben - ganz geduldig und so, als hätte er bereits viel Erfahrung darin gehabt. Er hinkte auf einem Bein, eine Hand umklammerte das Treppengeländer. Ich schaute weg, allein könnte ich den Rollstuhl niemals über 30 Stufen nach oben tragen und jemand würde schon gleich zu ihm kommen. Ja, sicher, so läuft es ja sonst auch immer.

Aber als die S-Bahn kam und eine Welle an Menschen an die Station spült, machten alle einen großen Bogen um den behinderten Mann. Sie blickten an ihm vorbei, sprachen in ihre Smartphones, hörten Musik, waren in Eile und sprangen die Treppenstufen hoch. Und ich stand krampfhaft in seiner Nähe, peinlich berührt und unsicher und feige, um zu ihm zu gehen und meine Hilfe anzubieten. Ganz viel Scham. Ich stand da und betete, dass jemand das Richtige tat und dem armen Menschen seinen Rollstuhl nach oben verschafft. Ich verfluchte Berlin, dass die Station Warschauer Straße keinen Fahrstuhl hatte und dass alle genauso egoistisch waren wie ich selbst. Ich hasste mich dafür, dass ich nichts tat und versteinert zu Boden guckte... Irgendwann kam ein gutaussehender, sportlich gekleiderter Mann die Treppe herunter und bat dem Behinderten seine Hilfe an und ich atmete erleichtert auf. Alles wurde gut, mein Tag großartig, aber der kleiner Mann blieb mir im Gedächtnis. Sein krummer Rücken, seine Weigerung, einfach irgendjemanden um Hilfe zu bitten, die Geduld, die er aufbrachte. 

Nächstes Mal, das schwöre ich, schaue ich nicht weg. Zum ersten Mal wundere ich mich nicht mehr über Gewaltgeschichten in Berliner U-Bahnen und daraus resultierenden Todesfällen. Zum ersten Mal glaube ich zu "verstehen", weshalb Menschen lieber auf sich selbst fokussieren, weil wir alle Angst haben, etwas außerhalb unserer Gewohnheit zu vollbringen. Unsicherheit, Egoismus, aber keine Entschuldigung. Keine Ausrede fürs Nicht-Handeln. Ich bin mir ganz sicher, wäre ich zu dem Mann hingegangen und hätte versucht, ihm zu helfen, wären andere dazugekommen und hätten mit angepackt. Aber niemand traut sich, der erste zu sein. Niemand will zu viel tun, abgeben. Auf der einen Seite wollen wir alle besonders sein und auf der anderen Seite steht die Bequemlichkeit. Ein schmaler Grad.

Manchmal trifft man schwierige Entscheidungen im Leben, muss abwägen und um Meinungen fragen. Manchmal sollte man aber einfach nur tun, statt zu viel nachzudenken und seinen eigenen Nutzen über andere stellen. Auch wenn man dabei einen Zug verpasst und zehn Minuten länger warten muss. Ich bin 23 und muss noch viel lernen, bis ich eines Tages wirklich erwachsen werden kann. Denn schließlich ist es am Ende nicht das Eis, das mir den Tag versüßt, sondern Menschen, mit denen ich meine Luft teile. Liebenden wie Fremden. Nächstes Mal kneife ich mir meinen Arm blutig, solange ich nur blöd rumstehe und darüber philosophiere, was wäre, wenn. Zwei Hände hast du. Eine, um dir selbst zu helfen, und die zweite für andere. Schau nicht weg.

15 Kommentare

  1. Beautiful lip color shade!
    http://kenguristyle.com/

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  2. tolle Story, deine Gefühle kommen wirklich beim Leser an :)
    Lg Carina

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  3. tolle Story, deine Gefühle kommen wirklich beim Leser an :)
    Lg Carina

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  4. Toller Text, diese Geschichte hat mich echt berührt. Ich liebe deinen Schreibstil, würdest du ein Buch schreiben, würde ich es sofort kaufen!

    Alles Liebe,
    Fee von Floral Fascination

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  5. Wow.. ein richtig genialer Text! Und das Zitat ist auch unglaublich berührend und so wahr! :)

    Liebste Grüße ♥ Joana
    TheBlondeLion

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  6. In solchen Situationen helfe ich immer, weil es mir mein moralisches Empfinden einfach gebietet. Ich hätte einfach noch jemanden angesprochen, ob er mithilft. Oft trauen sich die Menschen nur nicht, so wie du es beschrieben hast und sind dann dankbar, wenn sie gefragt werden.

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  7. 1. Der Text ist richtig gut geschrieben und man liest einfach immer weiter. Grandios!

    Ich war vor einigen Jahren genau so. Ich nicht mal 1,60m großes Mädchen habe immer gehofft, dass jemand großes und starkes den schwächeren hilft, denn ich wusste, dass ich niemals den Kinderwagen inkl. Kind oder Gehhilfen anheben, geschweige denn die ganzen Treppen hochtragen, kann. Doch mit der Zeit habe ich einfach nicht mehr gehofft. Ich habe angefangen zu handeln. Zwar fühlen sich meine Arme immer an, als wollten sie abfallen, aber das Gefühl geholfen zu haben und das "Danke" der Person macht das immer wett. ;)

    Liebe Grüße
    Jülide
    www.lifeandstyleblog.de

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  8. wieder mal wunderschön geschrieben chi :-) ich bin, was das betrifft, 'zum glück' relativ hilfsbereit. was mich jedoch etwas traurig macht, ist, dass nicht immer welche noch dazu springen und helfen, denn oft schaffe ich es nicht zb einen kinderwagen allein die treppen hoch zu hieven, während die mama sich um 2 kinder kümmern muss :-( ich hoffe einfach, dass es zukünftig immer mehr menschen gibt, die ein klein bisschen hilfsbereitschaft zeigen, dann wäre die welt schon viel besser :-)

    Liebste Grüße, Alice
    call me cozy

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  9. Mal abgesehen davon, dass ich deinen Schreibstil echt toll finde, berührt mich die Geschichte total. Ich kann das allzu gut nachvollziehen. Ich trau mich da auch nicht immer und nehme mir vor nächstes mal mutig zu sein und zu helfen. Der erste Schritt ist, denke ich auch, wirklich das schwerste.
    Liebe Grüße ♥

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  10. Liebe Chi!
    Ich finde es toll, dass du das hier aussprichst, was dem einen oder anderen doch mal im Alltag widerfährt und die Gedanken und Scham und auch Unsicherheit die mit dabei ist. Daher vielen Dank dafür dass du diesen Text geschrieben hast mit einem kleinen Appell! :)

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  11. Bereits mit dem ersten Kind hab ich sehr schnell mitbekommen, daß man sich die Hilfe am Besten einfordert als darauf zu warten. In freundlichem Tonfall auf die Leute zugegangen und um Hilfe gebeten, wenn es um den Kinderwagen ging...ich kann zwar ganz schön schleppen und notfalls gehs auch allein - aber im ersten Schritt hole ich mir die Hilfe. Und ich habe nie nie nie ein Nein bekommen. Auch nicht, als ich mitten auf der Kreuzung mit dem Auto liegen blieb...einfach zwei Fussgänger angsprochen in passender Grösse und Statur und zum Schieben aufgefordert...am Ende schoben SECHS zzgl. meiner Wenigkeit die Karre von der Kreuzung. Vielleicht lag es an meiner Berliner Schnauze, an dem gewissen Humor, der hier nicht fehlen darf...ich weiß es nicht...aber ich hatte bis jetzt immer Glück.

    Anders herum sind meine Augen offener geworden, selbst wenn ich eigentlich die Treppe schon runter bin, frage ich die Frau unten, ob sie Hilfe braucht mit ihrem KiWa. Die Zeit ist heute so schnelllebig, aber auf die 10min kommt es herrgott nicht an.

    Wenn es um Prügelei etc. geht - da geht ganz klar die eigenen Sicherheit vor - mit eigenem Kind unterwegs mische ich nicht mit, aber ich rufe die Polizei und hole andere Passanten zur Hilfe...wichtig ist es, den Mund aufzumachen, sonst geht man gnadenlos unter.

    In Deinem Fall beim nächsten Mal wirklich einfach um Hilfe bitten - glaube mir - dir als charmante Dame wird keiner die Bitte abschlagen, das garantiere ich Dir. Und Du entwickelst mit der Zeit auch ein Gespür dafür, wen Du ansprechen kannst und von wem Du lieber Abstand halten solltest ;o) Also Kopf hoch und bei Gelegenheit üben!

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  12. Ein toller Text und schönes foto =)

    www.heykasumi.blogspot.de

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  13. Courage ist eine komplizierte Sache, aber sei nicht betrübt-
    das nächste mal!
    Diese Chance wirst du sicher noch einmal bekommen..

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  14. Oh so wahr - und richtig schön geschrieben. Du hast natürlich recht, dass du hättest den Anfang machen können und ich hab da auch eine ganz ausgeprägte Ader und möchte jedem helfen. Ich versuche dann, insofern zu helfen dass ich älteren Menschen Dinge aufhebe, ihnen Plätze anbiete, aus dem Bus helfe und Co., eben Dinge, die ich körperlich definitiv schaffe!

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  15. Wow, ein wirklich schöner Text und so wahr! :)

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