Es war April und ich seit einem Monat 14 Jahre alt, als ich von Zuhause auszog. Es war mehr oder minder eine spontane Entscheidung, meine Sachen zu packen und zu gehen, obwohl der Prozess schon so viel länger gedauert hatte. Weil es mir schlecht ging. Uns. Meiner Familie. Wir waren nicht glücklich, gingen uns ständig auf die Nerven. Wir waren immer wachsam, weil wir uns gegenseitig nicht trauten. Ich fuhr jeden Tag eine Stunde mit der Ringbahn um Berlin herum, um nicht früher nach Hause kommen zu müssen. Genoß jede Sekunde, die ich allein sein kann. Ohne Menschen, Erwartungen, Lügen. Es waren schwere Zeiten und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätte ich vermutlich noch so viel früher mein Hab und Gut zusammen gekramt, denn manchmal, wie traurig es auch sein mag, können bestimmte Personen nicht miteinander auskommen.

Um ehrlich zu sein bin ich nun nach bald neun Jahren immer noch nicht bereit, darüber zu sprechen. Ich bin bei der Verarbeitung der Geschichte quasi stehen geblieben, weil ich das Gefühl habe, dass die kleine Chi von damals um ein Vielfaches stärker war als das 22 Jahre alte Ich von heute. Eines durfte ich aber lernen und dafür bin ich ganz besonders dankbar: Dass es gute Menschen gibt, denen du nicht egal bist, die dir aus der Patsche helfen möchten und können. Dass es professionelle Hilfe gibt, die nicht immer funktioniert, aber eine Alternative bietet. Ich bekomme immer wieder E-Mails von euch, in denen ihr mich um Rat bittet, weil ihr oder eure Freunde Probleme zu Hause habt / haben. Als Privatperson möchte ich mich aber auf keinen Fall einmischen und vielleicht Manches kaputt machen, denn viele Dinge klären sich mit der Zeit von selbst.

Heute haben wir den ersten Sonntag des neuen Jahres und überall lese ich noch von Rückblicken, Vorsätzen, Zielen und irgendwie habe ich das Gefühl, als sei ich nicht ehrgeizig genug. Ich nehme mir nichts Großartiges vor und schreibe keine Checkliste. Und eigentlich möchte ich diesen Post heute noch nicht veröffentlichen, denn wir sind gerade erst alle fein säuberlich ins neue Jahr gerutscht, das ernste Arbeitsleben beginnt erst morgen um 9 und das letzte Mal auf der Couch chillaxen und den ganzen Tag lang Serien zu schauen, das habt ihr verdient. Aber für manche geht der Stress 2015 weiter und Feiertage sind so etwas wie Luxusgüter, die man sich nie leisten kann.

An alle, die sich schon lange nicht mehr wohl fühlen zwischen den Wänden, die eigentlich ihr Zuhause sein sollten: Haltet durch! Falls ihr volljährig seid, könnt ihr euch ernsthaft überlegen, eine eigene Wohnung bzw. eine WG zu suchen, vielleicht seid ihr ja sowieso dabei, ein Studium oder eine Ausbildung zu starten, dann kann die Wohnungssuche damit verbunden werden. Falls ihr aber noch nicht 18 seid, würdet ihr so schnell keine Freiheiten bekommen - mit gutem Grund, ihr seid noch nicht so erwachsen und erfahren, wie ihr wahrscheinlich glaubt! Bitte spricht mit euren Bezugspersonen, denkt darüber nach, ob ihr euch selbst in die Situation reingeritten habt und wenn ja, wie ihr euch nun verhalten solltet. Vielleicht benötigt eure Familie auch Hilfe von Außen, dann solltet ihr wissen, dass jede/r von euch in eurem zugehörigen Jugendamt (einfach eure Adresse + Jugendamt googeln) einen Beamten hat, der direkt für euch zuständig ist. Hier sind z.B. die Kontakte der Berliner Jugendämter.

Bitte habt keine Angst, wenn euch jemand versichern will, dass er/sie euch jederzeit rausschmeißen kann und ihr dann nichts habt, kein Geld, kein Essen, kein Zuhause - das stimmt nicht. Bei sehr brenzlichen Fällen könnt ihr euch an Notdiensten wenden (hier die Berliner Adressen) und dort wird euch geholfen werden. Es wird euch keine Erlösung und kein Paradies erwarten, aber es ist ein möglicher Ausweg. Ich schreibe diesen Post für alle, die nicht wissen, wohin mit all den Familienproblemen und wem sie sich noch anvertrauen können. Und wenn es euch persönlich super geht, ihr aber eine Freundin habt, der es nicht gut geht, bitte steht ihr zur Seite bei, sie wird euch für immer dankbar sein. Ich schreibe diesen ausnahmsweise recht informativen Post, um euch zu sagen, dass ihr nicht aufgeben und an euch glauben solltet. Steht noch einmal auf, das schafft ihr.

Alle Fragen darüber, wie ich damals vom Elternhaus ausgezogen bin und alles, was dazu gehört, beantworte ich in den Kommentaren oder per Mail: chi.ifiwereaudrey@live.de. Happy new year, happy new beginnings.

27 Kommentare

  1. hei Chi,
    ein sehr schöner Post, ich denke dieser Text kann anderen wirklich weiterhelfen.
    Ich weiss wie es ist wenn man Probleme in der Familie hat und denke es gibt nichts belastenderes, stress dich also nicht allzu sehr, irgendwann wirst du darüber reden können, muss ja nicht gleich morgen sein und muss ja auch nicht öffentlich sein.
    Ich wünsche dir weiterhin alles Gute, denke du bist eine starke Frau. xx Juli

    http://juliigraphy.blogspot.ch

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    1. Danke für die aufbauende Worte! :)

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  2. Sehr bewegender Post und ich finde es toll das du deine Reichweite nutzt um auf solche Themen aufmerksam zu machen und Ratschläge zu geben.

    Liebe Grüße xx
    Mindbroken

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  3. Oh Mann, ich finde es so krass, dass du bereits mit 14 Jahren ausgezogen bist...das war ich vor 10 Jahren und auch heute noch kann ich mir keinen schöneren Platz als zu Hause vorstellen. Ich bin unglaublich dankbar für meine Familie und auch meine wundervolle Kindheit und mich macht es sehr betroffen, zu lesen, dass deine Erinnerungen sich so stark unterscheiden...Hoffentlich schaffst du es irgendwann, damit abzuschließen.

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    1. Da hast ein riesengroßes Glück gehabt und ich beneide dich jetzt einfach mal ein bisschen. Ich hatte auch eine tolle Kindheit, bis ich nach Deutschland kam und sich alles veränderte, aber so ist eben das Leben - heute geht es mir gut, also alles fein :). Sag Bescheid, wenn dein Päckchen bei dir angekommen ist!

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  4. Sehr bewegender Text! Ich bin vor einem halben Jahr von Zuhause weg, weil es echt nicht mehr ging. Mit 17 war es schon schwer genug, aber du mit 14? Schon krass... Es ist immer traurig wenn Familien nicht mehr funktionieren, aber meistens ist es dann doch der besser Weg, sich davon zu verabschieden :)
    Wünsche dir für das nächste Jahr alles Gute!
    Liebe Grüße, Caro ♥ von alice eden stories

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    1. Ja, manchmal ist es einfach nur eine Frage der Zeit, aber heute geht es mir - und hoffentlich auch dir - gut, in dem Sinne blicken wir einfach gemeinsam aufs neue Jahr und konzentrieren uns auf Sachen, die uns glücklich machen und weiterbringen :)

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  5. Ich bin der Meinung, dass du auch jetzt sehr stark bist, denn immerhin erzählst du hier Teil deiner Vergangenheit und spricht ein Thema an worüber viele schweigen. Das kann nicht jeder. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das gewesen sein muss und hoffe, dass du jetzt sehr glücklich bist, sogar wenn manchmal diese Geschichte dich immer noch sehr belastet.

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  6. Wow! Chi. Du bist echt stark. Ich finde es toll, dass du Menschen, oder eher gesagt Kindern helfen möchtest. Es ist sicherlich nicht einfach darüber zu reden oder das Thema von selbst anzusprechen wenn man viel Mist erlebt hat in seinem Leben. Finde ich echt toll, dass du dich dafür einsetzt und Hilfe anbietest. Schön zu sehen, dass Menschen wie du, mit so einer Reichweite, sich dafür engagieren!
    Liebe Grüße ♥

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    1. Danke für diesen und die vielen anderen Kommentare, danke für die Unterstützung! :)

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  7. Du bist stärker als du denkst Chi! Die 22 Jährige Chi kann es locker mit der 14 Jährigen Chi mithalten. Ich bewundere dich dafür, dass du dir es zutraust uns ein Teil deiner Vergangenheit anvertraust und dass du mit großer Wahrscheinlichkeit ein paar aus der Seele sprichst und sogar etwas Mut machst. Es ist sehr bewundernswert, was du alles bis jetzt geschafft hast.

    Liebe Grüße!

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    1. Danke danke danke, das hoffe ich wirklich zu erreichen :)

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  8. wundervoller und beeindruckender Post liebe Chi! Wirklich sehr mutig!! Chapeau!!

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    1. Fühle mich jetzt ganz geehrt, danke Masha :)

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  9. Starker Post! Ich komme auch aus einer problematischen Familie und hätte mich mit 14 keinesfalls getraut, einfach auszuziehen. Aber das mit der Ringbahnfahren kenne ich. Ich bin früher auch in alle möglichen AGs gegangen und bin nach der Schule teilweise mit Freunden 5km zu ihnen nach Hause gelaufen und dann wieder den Weg wieder zurück, nur um nicht nach Hause zu müssen. Dass mir da jemand hätte helfen können war damals undenkbar für mich. Daher danke, dass du diesen Post geschrieben hast. Ich glaube, manchen wird das wirklich helfen.

    Liebst,
    Mira

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    1. GENAUSO habe ich mich gefühlt. Jahrelang. Danke Mira, dass du uns das erzählt, ich fühle mich so verstanden :)

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  10. Normalerweise bin ich eine stille Leserin, aber dieser Post war so bewegend, dass er mit die Tränen in die Augen getrieben hat. Du bist für deine Stärke wirklich wirklich bewundernswert und das musste einfach mal gesagt werden. :)

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    1. Danke! Wünsche dir einen schönen Montag :)

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  11. Wirklich sehr inspirierender blogpost. Auch wenn es nicht um fashion handelt, ist es nicht weniger interessant. Ich Finds toll dass du darüber schreibst!

    LG Alice :)

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  12. Liebe Chi, du sprichst mir von Leib und Seele. Ich weiß zwar nicht wieso weshalb warum du eine schwierige Zeit hattest, die dich dazu brachte auszuziehen. Doch das Gefühl nicht nach Hause kommen zu wollen, weil die Welt dann zusammenbrechen könnte kenne ich nur allzu gut. Doch mit der Zeit wird es besser, sie heilt alle Wunden. Auch wenn man danach nicht darüber sprechen mag. Ich finde es toll, dass du so ehrlich schreibst und versuchst zu helfen.

    Ich wünsche dir für das neue Jahr alles Gute!
    Liebe Grüße,
    Lani
    Blogged with Milk Tea

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  13. Happy New Year and wish you all the best for 2015!!
    After a long break I am officially back and thank you so much for your support!! I deeply appreciate it ;)
    My Lyfe ; My Story
    @MyLyfeMyStory
    @MyLyfeMyStoryBlog

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  14. Liebe Chi,
    Danke für deinen rührenden Post, auch mir ging es wie dir, ich kann das sehr gut nachvollziehen.Ich bin ebenfalls im Alter von 14 Jahren ausgezogen, allerdings übergangsweise zu meinen Großeltern, da es zu Hause auch so schlimm war. Mit 16 konnte ich dann meine erste eigene Wohnung beziehen und ein neues Leben anfangen. Auch ich habe es nach der Schule immer hinausgezögert heim zu gehen und war liebend gern bei Freunden zu Hause und habe es genossen mit ihnen zu Abend zu essen. Jetzt bin ich fast 26 und so glücklich wie niemals zu vor, privat wie beruflich. Ich kann niemals vergessen, jedoch verzeihen und somit meinen inneren Frieden finden. Ich wünsche auch wie Chi, allen die sich in schwierigen familiären Situationen, befinden viel Kraft und Mut. Man kann es schaffen, egal wie schwach und hilflos man sich fühlt, es steckt immer mehr in einem als man denkt und es gibt immer liebe Menschen die einen unterstützen.
    Alles liebe an dich Chi!

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  15. Wow!
    Bitte bitte fühl dich ganz dolle gedrückt :* Du bist so unglaublich stark! Bewundernswert!

    Liebste Grüße :*

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  16. Liebe Chi,

    Ich bin über den Freitagspost von andysparkles auf deinen Blog aufmerksam geworden und nur ein Blick auf deinen Stil, aber vor allem deine Athentizität haben gereicht, damit ich Fan wurde. ;)
    Ich finde deine Post genauso informativ wie mutig. Beide Daumen hoch (wie man heute so schön sagt ;)).
    Mir ging es ähnlich wie dir, ich habe mein "Zuhause" ebenso gemieden, bin weggelaufen, weil ich mich nicht wohl gefühlt habe ... Aus diesem Grund habe ich mich während meines Heranwachsens auch immer als Außenseiter gefühlt, konnte keinen Kontakt zu all den spießigen Heile-Weile-Kindern aufbauen und in der Gesamtzusammenschau habe ich so auch viele Dinge getan, von denen ich nun dringend abrate.
    Wie dem auch sei ...
    Ich finde es gut, dass du so konkret ansprichst, wohin man sich wenden kann ... DASS man überhaupt etwas unternehmen kann. Auch wenn es nicht rosator ist, was einen erwartet, aber dass es eben auch ANDERS geht. Das ist aufrichtig, ehrlich, realistisch und ich kenne nicht viele Menschen, die zu solchen Worten und Geständnissen fähig wäre. Deshalb hast du meinen tiefen Respekt und meine Bewunderung!

    Heute arbeite ich ehrenamtlich beim Kinderschutzbund, was mir sehr hilft, denn aus den Fehlern, die ich gemacht habe, habe ich viel gelernt, was ich weitergehebn weill: abgesehen von praktischen Tipps, wie du sie gibst (konkret, auf den Punkt gebracht, ich bin Fan von dir! [ja, ich weiß, ich wiederhole mich ;)] kann ich ebenfalls die Aussage unterschreiben: Wenn etwas nicht in Ordnung ist, sucht euch Hilfe. Sagt, was los ist, safr, wenn etwas nicht in Ordnung ist BIS MAN EUCH GLAUBT UND HILFT. Sagt es Lehrern, Freunden, Familienangehörigen. Erzählt es und erzählt es immer wieder, gebt nicht auf!

    Ich wünsche dir für die Zukunft alles Liebe und Gute und freue mich, in Zukunft mehr von dir zu hören.
    Liebe Grüße
    A.

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