Ich schreibe heute über den Tod, weil ich in letzter Zeit einfach nicht aufhören kann, daran zu denken. Versteht mich falsch, mir geht es blendend, wenn man von der ewig dauernden Erkältung hinwegsieht, die Uni läuft wie gewohnt und auch in meiner Umgebung sind alle geliebten Menschen wohlauf. Aber wenn ich ehrlich bin, bekomme ich jedes Mal Schüttelfrost, wenn ich einen Film schaue und jemand sich mit seinem letzten Atemzug verabschiedet. Das ist keine Sympathie mit den Darstellern, keine Empathie mit der Story, das ist pure Angst. Früher hätte ich gesagt, für jeden von uns kommt irgendwann mal der Zeitpunkt, an dem du nichts wieder gutmachen kannst, an dem du deine Augen schließt und schläfst. Jeder einzelne von uns. Schläft. Eines Tages. Deswegen machte es mir auch nicht so viel aus, ich meine, ich bin noch jung. Wir sind alle noch jung. Und Zeit, Zeit ist relativ.

Dann ging es meiner Oma vor fast einem Jahr nicht gut. Ihre Herzvenen waren verstaut und das Blut konnte nicht zum Herzen gepumpt werden. Wäre sie nicht rechtzeitig operiert worden, hätte ich sie vor zweieinhalb Jahren das letzte Mal gesehen. Meine Oma ist alt und ich bin weit weg. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, von mir selbst geohrfeigt zu werden. Mein Tod macht mir nicht so viel aus. Aber der Tod als Fakt, der ist für mich zum ersten Mal und seitdem allgegenwärtig. Ich habe Angst, wenn ich schlafen gehe, dass jeder Tag "eines Tages" werden und ich nichts tun kann. Weil Natur, weil Kreislauf, weil wir nur Menschen. Weil Leben auch den Tod beinhaltet und.

Die Sache ist die, dass man die Kontrolle verliert. Ans Schicksal, vermutlich. Aktuell beiße ich mir fest auf die Lippen, wenn ich von den 43 mexikanischen Studenten lese. Von Kobane und dessen mutigen Bürger. Es ist bestialisch, wie wenig wert das Menschenleben ist für einige von uns. Ich versuche es zu verstehen und bin nicht allzu weit gekommen. Bitte, sollte jemand von euch Psychologie studieren oder irgendwie die Ahnung haben, melde dich. Bitte helfe mir zu akzeptieren, dass wir nur kleine Lebewesen sind, deren Grenzwert im Verhältnis mit der Menschheit gegen null läuft. Ich habe das Bedürfnis, mich in ein Medizinstudium zu stürzen und Menschen zu retten. Sie wieder zum Leben zu erwecken.

Meiner Oma geht es gut. Sie ist schwächer als früher, gewiss, aber sie lacht, läuft und tippt E-Mails an mich. Sie spricht nicht viel und ist schnell böse, aber nie nachtragend. Meiner Oma geht es gut und das sage ich mir jeden Tag, bevor ich einschlafe. Das hilft zwar nicht sonderlich viel und ich habe immer noch Angst, aber man muss immer positiv sein. Es geht nicht darum, für immer zu leben, sondern etwas zu kreieren, das für immer existieren wird. Augenblicke. Liebe. Es geht ums Wertschätzen und darum, dass man loslassen kann. Auf WIEDERsehen, ja, darum geht's.

2 Kommentare

  1. Wunderbarer text, das berührt mich total. Ich denke auch oft darüber nach, über den tod und das er kommt wann er will. Letztes jahr hab ich einfach so meinen opi verloren, er war nicht mein richtiger opa aber der freund meiner oma und für mich der fels in der brandung. Mein rettungsring :) er war erst 56 aber war kerngesund. Trotzdem ist er dann ohne vorwarnung eingeschlafen, einfach so.
    Dabei hatten wir noch so viel vor, ich wollte mich von ihm adoptieren lassen, damit es nicht mehr heisst 'ihr habt nichts miteinander zutun' damit auch andere dieses band was wir haben sehen. Und für uns.

    Der tot ist grausam und das leben ist viel zu schnell vorbei.
    Und auch wenn es grausam klingt, mir ging es nichtmehr so schlecht als ich gesehen hab wie glücklich er aussah.
    Einfach so, ohne schmerzen und ohne warten auf den tod.

    Es gibt nie den perfekten zeitpunkt und es tut immer weh, aber das schien mir doch der leiseste und schönste tot zu sein.

    Dir und deiner familie alles gute,
    Ich bin so naiv und glaube daran das wir uns alle irgendwann wiedersehen.
    Schliesslich gab es kein tschüss, und kein letzes wort. Vielleicht nur aus dem grund weil es kein letztes wort geben wird. Sondern eben nur ein aufwiedersehen, bis bald.

    Jetzt ist aber schluss mit sentimental sein, ich wünsch dir einen wundervollen sonntag mit all deinen lieben!

    AntwortenLöschen
  2. Berührender Text, liebe Chi. Ich studiere selbst zwar Psychologie (wenn auch nur auf Lehramt), aber ich kann dir leider nicht helfen. Trotzdem hoffe ich, dass dir die folgenden Worte helfen oder dich zumindest zum Nachdenken bringen und das in eine positive Richtung. Auch ich habe mir immer wieder Gedanken um den Tod gemacht. Er war für mich immer allgegenwärtig. Die Angst, irgendwann nicht mehr aufzuwachen und Geschichte zu sein, die kursierte oft zentral in meinem Kopf herum. Natürlich sollte man den Tod nie außer Acht lassen. Er gehört zu unserem Leben, seitdem unser Herz schlägt, aber der Tod sollte nicht unser Leben sein. Der Tod ist das, was danach kommt, das Leben ist die Gegenwart. Das Hier und Jetzt! Wir leben! Wir atmen! Wir sind nicht tot!

    So richtig bewusst, dass ich zu viel darüber nachdenke, wurde mir, als mein Leben selbst ziemlich auf der Kippe stand. Ich habe meine Augen nicht für immer geschlossen, sondern bin dankbar, dass ich im Krankenhaus wieder meine Augen aufgemacht habe, wenn auch angehängt an zahlreichen, für mich als nicht medizinaffiner Mensch Undefinierbares. Aber ich darf leben. Mein eigener Tod stellt ab diesem Tag, dem 23.5.2012 kein großer Angstfaktor mehr dar, aber sehr wohl war die Angst, jemanden zu verlieren, den ich über alles Liebe, immer noch ein großer Bestandteil meines Lebens. Und am 18.6.2013 war es dann wirklich soweit. Natürlich habe ich auch schon vorher Menschen verloren (meine Großeltern), die ich geliebt habe, aber im Juni letzten Jahres starb mein Vater und das war bestimmt einer der härtesten Zeiten meines Lebens und es ist heute noch schwer für mich, zu begreifen, dass er nicht mehr kommt. Aber was so richtig schmerzt, ist die Tatsache, dass ich viel zu oft über den Tod eines geliebten Menschens (auch wenn er noch nicht eingetreten ist) nachgedacht habe und jetzt bereue ich diese Gedanken, denn ich hätte die Zeit, die ich dafür aufgewendet habe, nutzen können, um das Leben mit meinem Vater genießen, anstatt an den Tag zu denken, an dem er irgendwann sterben könnte. Man kann nichts rückgängig machen (und um das dreht sich auch der heutige Post bei mir auf meinem Blog), aber man kann bewusst leben und die Zeit genießen. Darum -auch wenn du deine Oma nicht so oft siehst- denke nicht zu sehr nach. Freue dich und sei dankbar, dass so ein liebenswerter Mensch deine Oma ist, dass sie da ist. Denke nicht daran, dass sie irgendwann nicht mehr da ist, denn das irgendwann ist ein Zeitpunkt, der nicht in unserem Leben existent sein sollte (außer vielleicht es handelt sich um etwas Positives, aber denk einmal darüber nach, wenn man sagt: "Irgendwann mache ich das", wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man es wirklich "irgendwann" macht? Alles, was mit irgendwann abgetan wird, sind Momente, bei denen die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass es auch einmal eintreten wird). Natürlich können wir Menschen nichts gegen den Tod machen, aber wir können ihn akzeptieren. Wir können sogar versuchen, ihn etwas positiver zu sehen. Denn der Tod ist nicht das Ende. Der Tod ist der Anfang von einer neuen, aufregenden Reise. Für die Hinterbliebenen ist es sehr schmerzlich, aber es gibt immer ein Wiedersehen und daran glaube ich ganz fest.

    Ich denk an dich :-*
    Liebste Grüße
    Lisa

    AntwortenLöschen