Ich steige aus der S-Bahn aus und entscheide mich spontan, shoppen zu gehen. Mir etwas Ich-Zeit zu nehmen und mich von nichts und niemandem stören zu lassen. Der Abend ist kühl und ich bin froh, den Oversized-Blazer dabei zu haben, mit dem ich kurz davor noch einen Outfitpost geshootet habe. Die letzten Sonnenstrahlen schlängeln sich durch die abgedunkelten Fenster der fahrenden Trams und hellen den Boden auf, das goldene Licht schimmert schöner als jeder Highlighter, den ich kenne, und ich muss seufzen. Manchmal, wenn meine Füße kein Ziel kennen und ich ganz allein unterwegs bin, die Welt ganz pur wahrnehme und die ganzen Instagramfilter kurz verdränge, wenn der Wind an meinen Armen kratzt und ich das Gefühl habe, zu morgen eine Erkältung eingefangen zu haben - genau dann lässt mich vieles den Atem stocken. Wann habe ich das letzte Mal der Sonne zugesehen, als sie schlafen geht? Sicher ein paar Monate her. Wann habe ich das letzte Mal miterlebt, wie sie einen neuen Tag einleitet? Ganz leise und ohne viel Trommelwirbel. Vielleicht vor einigen Jahren. Wann war mein erstes Mal? Ich weiß es nicht. Wir haben immer so viel vor, hetzen uns von A nach B und zelebrieren alle möglichen Arten von Routine. Immer dieselbe Zahnpasta, dasselbe Emoticon, derselbe Lippenstift. Dieselbe Bahn, dasselbe Eis, derselbe Chinese. Ich weiß nicht, wann ich angefangen habe, diese verdammt langweilige Bequemlichkeit zu meinem Grundsatz erklärt zu haben, aber das muss sich ändern. Ich will mehr sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen. Aus meinem Kokon raus in die weite Welt.

Das erste Mal sei immer eine Erinnerung wert. Und dabei sei es ganz egal, ob gut oder schlecht, ob besonders oder ganz natürlich. Man spricht gern von der ersten Jugendliebe, dem ersten Kuss. So was vergesse man angeblich nie. Viele meiner ersten Male weiß ich nicht mehr. Ereignisse, die ich mir penibel in meine alten Tagebücher dokumentiert habe, sind irgendwo auf dem Weg zum Erwachsenensein verloren gegangen. Unwichtig geworden. So ist das, wenn man lebt, um eines Tages im Leben etwas zu erreichen. Man verdrängt das Abenteuer der ersten Male. Ich habe mir letzte Woche meinen ersten Mac Lippenstift gekauft und werde wohl früher oder später vergessen, wie viel mir dieser Moment bedeutet hat. Aber das ist nicht weiter tragisch, denn darum geht es nicht. Es geht ums Erleben und Genießen, und wenn man seine Erlebnisse nach Lust und Laune reaktivieren kann, dann ist das ein schöner Effekt, wenn nicht, hat man eben nur für den Moment gelebt und das ist fein. Das erste Mal heute ist immer ein Déjà-vu vom letzten ersten Mal gestern. Das Kribbeln, die Aufregung, die Wärme, die sich ins Gesicht schießt. Wer spricht hier vom ersten Kuss? Dessen schöne Version gibt es nur in Hollywood, damit habe ich mich abgefunden.

Mein Freund und ich haben das erste Mal Urlaub in der eigenen Stadt gemacht. Eine Nacht in einer Hotelsuite gebucht und uns wie Kleinkinder auf die 12 Stunden Luxus gefreut. Fernab vom Alltag, Geldnot und anderen Ängsten. 12 Stunden weiße fleckenfreie Bettwäsche und zwei Fernseher innerhalb eines Zimmers. Der Panoramaausblick auf die Spree, der in mir so viel Dankbarkeit hervorruft, obwohl ich ja für ihn einiges hingeblättert habe. Für solch ein erstes Mal zahle ich gerne viel und das ist in manchen Augen sicher unnötiger Konsum. Möglich. Für mich ist das Glück und wofür sonst soll man leben? Arbeiten? Sparen? Doch nicht für eine Zukunft, die man nicht kennt und die von der Gesellschaft als Ziel für jeden Menschen deklariert wird. Ich möchte jetzt und hier Fallschirm springen! Angst? Aber klar. Und dennoch. Für dieses eine erste Mal. Für diesen einen kitzelnden Nerv.

Der Mond ist aufgegangen, der Alexander Platz hell beleuchtet. Ich stecke mein Smartphone weg und atme die Abendluft tief ein. Die S-Bahn hält an. "Einsteigen bitte". Ich lächle, spüre zum ersten Mal etwas wie Liebe zu dieser Stadt und murmele "Heimat".


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7 Kommentare

  1. Wunderschön. Danke dafür.

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  2. Wunderschöner Text. Den letzten Absatz fand ich richtig gut.

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  3. So ein schöner Text...Und ja, Du hast Recht. Man sollte wirklich nicht mit den Jahren vergessen, dass das Leben so aufregend sein kann und in der Rotine versacken. Ich muss beruflich ziemlich viel allein reisen und das war am Anfang auch so aufregend für mich und es gab viele "erste Male". Das sind immer gute Erfahrungen, an denen man wächst un die wir brauchen, um zu wachsen.
    xx, Sarah

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  4. Liebe Chi,
    ich kenne das Gefühl, dass du so schön beschreibst (PS: du malst sehr schön mit Worten!) - das Gefangensein im Alltag, Langeweile und irgendwie auch ein bisschen (mehr) Unzufriedenheit mit sich selbst.
    Dann will man raus in die Welt - neue Dinge tun, erleben, sehen - denn das macht glücklich (und lenkt manchmal auch phänomenal von der eigenen Unzufriedenheit ab). Aber für mich steckt gerade in der Routine des Alltags viel Glücklichsein, man hat sich ja nicht umsonst, die liebsten Menschen, Plätze, Chinesen und Lippenstifte :)
    Der Reiz des Neuen ist natürlich da (gepaart mit einem riesigen, süchtigmachenden Endorphinstoß!), aber sollen wir uns nicht auch rückbesinnen und in den kleinen alltäglichen Dingen das Schöne suchen?
    Ich habe heute zum tausendsten mal "Budapest" gehört, den millionsten Kaffee aus unserer alten Kaffemaschine geschlürft, und meinem Freund wie jeden Morgen seit langer Zeit einen Abschiedskuss gegeben - all das macht mich wirklich glücklich. Ich brauche keinen Frozen Latte, wieder Schmetterlinge im Bauch mit einem neuen Mann, und "Budapest" werde ich noch in 2 Monaten hören. Weil ich es mag. Und das ist ein schönes Gefühl.
    Ich glaube, die ständige Suche nach Neuem und Aufregendem macht uns rastlos und am Ende nicht unbedingt glücklich.
    Aber anstatt es zu einem stressigen Gefühl von "ich-nehme-nicht-genug-von-der-Welt-um-mich-herum-wahr-und-muss-das/mich-unbedingt-ändern" werden zu lassen, mach es zu einem "ich-gehe-mit-wachen-Augen-durch-die-Welt-und-nehme-so-viel-mit-wie-ich-kann", sei es nun beim Fallschirmspringen oder dem x-ten mal in der Lieblings-Eisdiele.
    Liebe Grüße
    Anne

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