Anderthalb Stunden dauerte die Fahrt von Hamburg nach Berlin. Inklusive Sonne, Kühe und eines fußballbegeisterten ICE-Fahrers, der Mitreisenden immer wieder auf den neuesten Stand des Deutschland-Spiels brachte, sodass ich mich nicht allzu sehr ärgern musste, die mehr oder minder spannenden 90 Minuten zu verpassen. Alle paar Sekunden döste ich ein und wachte kurz danach wieder auf. Schaute aus dem Fenster und blinzelte. So eine Zugfahrt in einem nicht zu vollen Wagon hatte was Beruhigendes. Zwei Sitze für mich. Keine Tiere, keine Kinder. Draußen war Sommer. Drinnen Frieden. Tief einatmen, die Beine ausstrecken und endlich zur Ruhe kommen. Sich aufs unordentliche Zuhause und den Lieblingsjungen freuen. Glücklich sein. 

Meine letzte Woche war, kurz zusammengefasst, faszinierend - in allen Dimensionen. In vieler Hinsicht hatte ich das Gefühl, endlich die Augen aufzumachen und Dinge zu erkennen, die eigentlich schon immer existierten und mir zwar bekannt waren, welche ich aber nie bewusst wahrgenommen hatte. Manches erneut wertzuschätzen und ins Herz zu schließen. Anderes schnell zu verdrängen. Eines habe ich mitgenommen: die Bedeutsamkeit einer guten Kommunikation, in Wort und Schrift. Wären wir alle ehrlicher zueinander, hätten wir alle weniger Vorurteile - dann wäre alles so viel einfacher. Würden wir Liebesgeständnisse nicht mit einem "haha" abschließen und Kritiken mit einem Lächeln garnieren, dann wüsste unser Gegenüber endlich, was wir tief in unseren Herzen sagen möchten. Dass wir ihn niemals verlieren möchten und nur zu viel Angst haben, unsere Gefühle laut auszusprechen. Dass wir ab und an mal so angepisst sind, dass wir ihm ins Gesicht brüllen könnten. Weniger nachdenken, was das Richtige sein könnte, sondern gleich reagieren und einfach mal kurz die Fassade fallen lassen. Manche beherrschen das Spiel der Schlagfertigkeit. Ich muss es mir noch aneignen.

Ich habe in den letzten sieben Tagen nicht selten gedacht - Was soll grad der Scheiß? Warum stehe ich hier und sage nichts?* Die Antwort kenne ich natürlich längst: Angst, Feigheit, Bequemlichkeit. Vielleicht hätte man dann gemeinsam den Tag und gar die Zukunft besser gestalten können. Zumindest seine Erwartungen aussprechen und keine Last mit sich herumtragen müssen. Wozu versuchen, andauernd irgendetwas zwischen den Zeilen und Pausen herauszulesen, wenn man so Vieles einfach der Wahrheit entsprechend formulieren kann. Mit jedem beschmückten Wort geht ein bisschen Ehrlichkeit verloren und man versteckt sich, ja ich verstecke mich irgendwo hinter Oberflächlichkeiten wie "Finde ich auch" und "Alles gut". Wielange schon nehme ich mir vor, meinen Mund aufzumachen und zu reagieren, wenn eine Verkäuferin mich schlechtgelaunt anmotzt, nur weil ich ein T-Shirt zurückgeben möchte. Wenn meine Pasta fürchterlich schmeckt und ich dennoch versuche, den ganzen Teller aufzuessen, anstatt den Kellner zu rufen. Wenn Blogger manche Tricks stolz zur Schau stellen, die ich persönlich niemals mit meinem Gewissen vereinbaren könnte und u.a. armselig finde.

Doch auch in denselben letzten sieben Tagen habe ich mehrmals in mich hinein grinsen müssen, einfach so, weil ich froh bin, Menschen zu treffen, denen ich es zutraue, dass sie ihre unbekümmerte Art niemals verlieren werden. Denen ich gerne persönlich sagen möchte, dass ich sie mag. Nicht weil wir so gut zusammen passen und dieselbe Meinung teilen, sondern weil sie sich selbst treu bleiben und ich mir am liebsten eine Scheibe davon abschneiden will. Die Reise geht weiter und nächstes Mal gebe ich mir einen Ruck, aufzustehen und meinen Mund aufzumachen. Weil ich es sonst bereue, nicht ehrlich zu sein, zu mir selbst. Draußen ist Sommer. Drinnen Frieden. Aufrichtig sein ist gar nicht mal so schwer. Aufrichtigkeit verlangt manchmal nur ein bisschen Mut. Und den habe ich.

*Für alle Beteiligten, es geht nicht nur um dieses eine bestimmte Event :).

3 Kommentare

  1. Ganz toller Text, bei dem du mir aus der Seele sprichst...
    wie oft habe ich mich mit meiner Meinung zurückgehalten- und tue es gar immer noch.
    Letztens habe ich meiner besten Freundin geschrieben, was ich dachte. Und dem Kerl, auf den ich stehe, habe ich vermutlicherweise eh vergrault, weil ich nie sagen kann, was ich wirklich fühle.

    Aber lieber SAGEN, als SCHREIBEN. Nur bin ich auch feige und bequem...
    Vor was haben wir eigentlich Angst?

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  2. Ein ehrlicher Text - sehr schön!
    Ich kenne das von mir selbst. Eigentlich weiß ich gar nicht so genau, wieso, aber auf der Arbeit und in neuen und ungewohnten Situationen bin ich total schüchtern und möchte am Liebsten nicht so angesprochen werden oder als laut empfunden werden. Ich kriege dann einfach den Mund nicht auf... Bei meiner Familie ist das anders. Und in meinem Leben gab es bisher nur wenige Menschen außer meiner Familie, bei denen ich wirklich ich selbst sein konnte: lustig, manchmal sehr laut, mitfühlend und eine gute Freundin. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich bei niemandem dieses Ich sein kann und das ist wirklich seltsam und traurig... Ich tue es ja nicht bewusst...

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  3. Dein text ist wie gesagt wircklich toll geschrieben, aber mal nebenbei...Das Bild ja einfach mal traumhaft süß!!!

    http://a-heart-for-fashion.blogspot.com/

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