Irgendwo auf der langen Strecke zwischen München und Berlin wachte ich auf. Die In-Ear-Kopfhörer waren scheinbar schon lange herausgefallen und baumelten nun über dem Fußboden. Time in a Bottle, ein Song aus den 70-er Jahren, der dank des neuen X-Men-Films ganz bestimmt wieder einen Platz in den Charts bekam, dröhnte leise aus den Sprechern. Ich schaltete die Lautstärke schnell um, sodass man nichts mehr davon hören konnte, und blickte um mich herum. Der Bus war dunkel, alle Menschen schienen tief zu schlafen, manche Köpfe hingen seltsam an manchen Hälsen. Minh hatte seine Schlafmaske tief ins Gesicht gezogen und hielt noch immer das iPad in der linken Hand, bereit, weiter zu spielen. Draußen war ebenfalls kein Licht. Kein Auto. Keine Sterne. Vielleicht etwas Regen, aber ich war mir nicht sicher. Alles dunkel. Still. Leer. ich riss die Augen auf und versuchte auf der anderen Seite der Fensterscheibe irgendetwas zu erkennen, aber nein, nichts. Mein Magen knurrte unruhig... Wo waren wir? Wo fuhren wir hin?


Ich blickte noch sehr lange in die dunkle Landschaft. Irgendwann kamen ein paar LKWs vorbei, dann gab es auf den gegenüber liegenden Spuren sogar einen LKW-Unfall und darauf folgend einen sehr langen Stau. Das erklärte, warum ich keine Autos vorbeifahren sah. Bei zwei Spuren dauerte es wohl noch eine Weile, bis der normale Verkehr wieder fortgesetzt werden konnte. Unser Bus fuhr unbeirrt weiter. Alle Menschen schliefen noch immer. Minhs Lippen hingen schief. Ich steckte die viel zu großen In-Ear-Dinge wieder ins Ohr und suchte verzweifelt nach etwas von Jay-Z. Empire State of Mind... Das sollte das Richtige sein. Ein kleines Musikfeuerwerk über eine andere Stadt, die nie schlief, weit weit weg. 2 Uhr 14. Ich dachte an den Großstadtlärm, gelbe Taxis, viel zu enge U-Bahnen. Ich dachte an lange Strände, blaues Meer und Kokosnusswasser. Ich dachte an Berghütten, in denen ich noch nie gewesen war, an Wüsten, die ich noch nie besucht hatte, an Wälder, die im Fernsehen schon zu gefährlich aussahen. Ich zwang mich regelrecht, an etwas zu denken, um meine sinnlosen Tränen zu unterdrücken. Ich hatte doch gar keinen Grund zu weinen. Aber mein Herz fühlte sich mutterseelenallein.


Ich musste eingeschlafen sein, denn als ich wieder aufwachte, war der Himmel leicht grau meliert. Es regnete tatsächlich, ziemlich stark sogar, und der Mann hinter mir schnarchte leise. Minh war mittlerweile auch wach und tippte energisch auf sein iPad. Ich schaute rüber, ein Zweg schlug auf einen Kobold, oder andersherum... Komische Welt, waren das überhaupt Kobolde und Zwerge? Mein Magen knurrte wieder unangenehm. Ich versuchte Minhs Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und strahlte ihn an, er wirkte überrascht. Mein gutes dunkles Augen-Make-Up, das ich von dem Event am Tag davor verpasst bekommen hatte, müsste sich inzwischen in Panda-Schminke verwandelt haben. Oder Kriegsbemalung. 4 Uhr 11. Bald waren wir in Berlin. Zu Hause. Ich nahm seine Hand und drückte sie ganz fest. Kuschelte mich irgendwie in meinen Sitz hinein und schlug die Augen zu. Die Reise war bald vorbei. Der Bus fuhr unbeirrt weiter. 

Sechs Stunden später lag ich in meinem eigenen Bett.
  

 || Ich hoffe, ihr seid nicht allzu enttäuscht vom heutigen Sonntagspost. Manchmal ist das eben alles, was ich zustande bringe - keine Lebensweisheiten, keine tiefgründige Worte, keine herzzerreißende Geschichte. Manchmal sitze ich eben acht Stunden im Bus und werde einfach so traurig. So ist das. Und dann habe ich auch noch das Bedürfnis, diese unglaublich unnötige Gedanken mit euch zu teilen. Seid mir nicht böse, denn für diese Zeilen lag ich beinah vier Stunden auf dem Bauch, habe getippt, gelöscht, getippt... Zufrieden bin ich nicht.

Ich wünsche euch einen grandiosen Internationalen Kindertag! :)

8 Kommentare

  1. ich liebe deinen blog, er ist wirkich mein liebster geworden und das liegt nicht nur an der tollen gestaltung und den bildern, sondern auch an den unglaublich guten texten, die ich mir immer wieder so gerne durchlese! ich kann dich total verstehen, wenn ich im bus längere strecken fahre oder im zug an den landschaften vorbeirausche habe ich die gleichen gedanken, die mich irgendwie traurig machen und einen so unerfüllt?! fühlen lassen..
    irgendwie passen die süßen entenbilder super zum text !:)
    wünsch dir noch einen schönen sonntag, liebst katiy♥

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  2. Ich glaube, enttäuscht ist für mich ziemlich das falsche Wort, ich mag den Post nämlich gerne – die Bilder und den Text. Und wenn alle Leute »acht Stunden im Bus« so gut beschreiben könnten, dann fände ich die Erde vermutlich gleich ein bisschen schöner. Mich erwartet heute Abend genau das Gleiche, mitten in der Nacht von Berlin nach Budapest, aber ich glaube, solange ich ein bisschen Licht zum Schreiben habe, sollte ich vielleicht auch etwas festhalten.
    Viele liebe Grüße, Mara

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  3. haha ich fühle mich schon wie ein richtiger kleiner Stalker weil ich in letzter Zeit so viele Kommentare hier hinterlasse aber bei den wunderbaren Texten, die du gerade immer schreibst, kann man gar nicht anders :'D nix da "enttäuscht"!
    ich finde übrigens, dass man nachts besonders häufig solche... ich weiß nicht... melancholischen/einsamen/verlorenen/komischen Momente erlebt. dabei liebe ich die Dunkelheit, ich liebe dieses kribbelige Unheimliche und gleichzeitig Behagliche, was die Nacht mit sich bringt. Vor allem bei Dunkelheit unterwegs zu sein, ob Bahn, Flugzeug, Bus, zu Fuß, ist schon irgendwie was besonderes, finde ich.
    sei lieb gegrüßt **

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  4. Der Text ist wunderschön. Du kannst stolz auf dich sein :)...
    und die Bilder von den Enten sind ja mal ober putzig-sooo süß.
    LG Manja

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  5. wunderschöner text!!

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  6. Ich finde den Text auch wunderschön. Hast du gut geschrieben und es ist schön zu wissen, dass so eine plötzliche Traurigkeit auch andere Menschen überkommmen kann! :)

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  7. Du bist so eine großartige Frau! Habe vollen Respekt vor dir! Der Text geht unter die Haut... Liebe liebe Grüße aus der Mutterstadt 'Berlin :)

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