Der Berliner Dom streckt sich stolz und pompös in den Himmel und ich versuche, meine Lunge mit möglichst viel Luft zu füllen. Die Spree fließt schnell und der Wind ist eigentlich viel zu kalt für solch einen lauen Sommerabend wie heute. In letzter Zeit laufe ich wahnsinnig gern hier am Wasser entlang und beobachte die Menschen in der Dämmerung, manche flüstern miteinander, einige angeln geduldig, Liebespaare, Touristen, Mädchengruppen,... oder solche wie ich. Dann mache ich meistens am Lustgarten halt und suche mir einen feinen der vielen Plätze, genieße die fast schon zu traurige, aber unheimlich romantische Musik, lasse meinen Blick auf die dunklen blauvioletten Wolken ruhen und schätze den Moment. Plötzlich scheint alles so friedlich zu sein. Viele picknicken und trinken ein Bierchen miteinander und ich sitze einfach da: mittendrin. Plötzlich scheinen alle Probleme klein zu sein und nichts lässt sich nicht lösen. Frieden um mich herum und Ruhe im Sinn. 

Und eigentlich bist du nur ein paar Hundert Meter weiter weg. Ich könnte jederzeit zu dir laufen und vielleicht hallo sagen oder dich einfach nur von Weitem beobachten. Ich tue's nie. Eigentlich gibt es dazu keinen Grund, außer dass es manchmal Augenblicke gibt, an denen du mir einen Lächeln auf die Lippen zauberst. Heute zum Beispiel, in der Bahn, als du mir schriebst, dass du an mich denken würdest. Oder wenn ich mal zufällig oder eben doch nicht so zufällig auf dich treffe und dein Lachen mich immer wieder schwach werden lässt. Sekunden, wenn ich plötzlich nach Luft schnappe, weil ich eine Nachricht von dir bekomme und, ob ich es gestehe oder nicht, mich freue. Es gibt Nächte, an denen ich nachschaue, wann du das letzte Mal online warst, und mich zurückhalten muss, dir nichts zu schreiben. Weil das alles sinnlos wäre. Es hört sich an, als wäre ich in dich verliebt, und vermutlich ist das gar nicht so falsch, aber weiter, als diese Zeilen gerade niederzutippen, möchte ich nicht gehen. Ein bisschen wundere ich mich darüber, dass du mich so schnell in deinen Bann ziehen kannst und ich mich nicht losreiße. Ich lasse mich immer mehr mitziehen und verliere die ganze Coolness, die ich mühsam um meine Person aufbaue. Ich reiße sie selbst herunter, um dir Zeichen zu geben, dass ich mich für dich interessiere, und ärgere mich selbst in dem Moment darüber, dass ich das Flirten doch gar nicht so gut beherrsche, wie ich es mir eigentlich immer einbilde, und dass, wenn wir die Situation mit einem Schachspiel vergleichen würden, ich mich irgendwie freuen würde, wenn du mich mit einem Schachmatt schlägst. 

Ich mag es, wie du mit den Worten spielst, wie du mich mit ihnen berührst. Immer wieder. Dieselben Worte, die du vermutlich bei allen anderen Mädchen benutzt. Dieselben Worte, die ich selbst täglich in die Welt trage. Leere Worte mit ein bisschen, paar klitzekleinen Prozenten Wahrheit, an denen ich mich trotzdem klammere. Nur dieses Kribbeln im Bauch. Nur das und nie gab es etwas mehr als das. Keine zufälligen Armbewegungen. Niemals ein Zunahekommen. Es bleibt dabei. Denn wie schön Liebe auch sein kann, manchmal sollte man sich dennoch zurückhalten, damit die Welt sich weiterdreht und das Leben seinen gewohnten Lauf weiterläuft. Meins und deins. Nur dieses Kribbeln im Bauch und mein Lächeln heute in der Bahn, das Smartphone ganz fest in meiner Hand, und deine Nachricht... Nur das. 


Eigentlich sind wir nicht einmal mehr Facebook-Freunde. Auf meiner Anrufliste rutscht dein Name immer weiter nach unten und ich muss lange scrollen, bis ich dich auf Whatsapp finde. Eigentlich sehe ich dich nur noch selten und jedes Mal immer kürzer. Eigentlich wollte ich manche Passwörter ändern, die mich an uns erinnern, die unsere Geheimnisse waren. Eigentlich sollte ich nicht mehr in der Früh aufwachen, um nachzuschauen, ob du dich verschlafen hast und bei der Arbeit verspätest. Und eigentlich dachte ich, ich könnte jetzt wieder normal sein und du wärst mir egal. 

Heute saßen wir wieder zusammen und aßen Indisch. So gern, wie ich indisches Essen mag, esse ich es viel zu selten. Und eigentlich immer nur mit dir. Immer dieselben Gerichte, immer möchte ich etwas von deinem Essen, obwohl du nie geplante Portionen teilen willst. Immer das vertraute Gefühl, von meinem Tag erzählen zu wollen, alle Details, ob sie dich interessieren oder nicht. Wie immer ein Snack zu viel des Guten, eine zu anstrengende Person, ein zu verführerischer Sonnenuntergang an der Warschauer Brücke. Wie immer Stress und wenig Schlaf. Eigentlich fühlt es sich an wie immer, wenn ich bei dir bin.

Dann gehst du schlafen und ich widme mich wieder meinem Laptop und sinnlosen nächtlichen Aktivitäten, die weder Inspiration noch Geld noch Entspannung oder überhaupt irgendetwas bringen. Deine Hand kurz verflochten in meinen. Wärme. Leere. Ich blicke dich an und du erwiderst meinen Blick sanft. Der Himmel war heute so blau wie vor einem Jahr um diese Zeit. Das erste Eis des Sommers aß ich mit dir. Eigentlich sind wir immer noch hier und meine Finger versuchen, alles zu fühlen, was nur irgend möglich ist. Wenn. Was wäre. Wenn. 

Eigentlich komme ich jeden Abend nach Haus und wundere mich nicht mehr, wenn das Licht in deinem Zimmer nicht leuchtet. Ich mache mir nicht mehr Gedanken, wo du schläfst und denke nicht mehr an Männerprodukte, wenn ich Blogkooperationen eingehe. Uns fehlte nur noch ein gutes Ende, aber ich möchte meine Geschichte von vorn schreiben. Unser Buch? Offen und eines Tages verstaubt. Aber heute öffne ich es ganz behutsam und streiche über die acht lange Kapitel, die jeweils 365 Seiten beinhalten. Eigentlich vermisse ich nichts. 

Aber wenn heute noch gestern wär. Eine Chance, nur eine Chance mehr. 

Plötzlich wache ich auf und merke, dass mein iPhone schon eine Weile gesummt hat. Mein Schlafmangel erklimmt immer weitere Rekordhöhen und so langsam glaube ich, dass er die Spitze bald erreichen wird. Tagsüber befinde ich mich durchgängig in einer Art Trance, ich rede, laufe, lächele, aber die Augen drohen, jeder Zeit zuzufallen. Die Beine bewegen sich ganz schwer und dass auch nur, um den Oberkörper fortzuschleppen. Ich denke langsamer und kann mir nichts merken. Vergesse, den Wecker zu stellen und und und. Eigentlich habe ich viel zu tun und schaffe kaum etwas. Und am Ende des Tages frage ich mich, was ich denn gerade mit meinem Leben anstelle. 

Jedenfalls wache ich plötzlich auf und merke, dass du mich gerade anrufst. Ich habe nicht viele Nummer in meinem Telefonbuch und fremde Nummer drücke ich grundsätzlich immer weg, bekannte Nummer eigentlich auch. Ich überhöre gern die Anrufe, weil ich mich meistens so unwohl fühle, mich telefonisch mit jemandem zu unterhalten. Das Gefühl, mich ausschließlich auf meine Stimme verlassen zu müssen, macht mich irgendwie fertig. Persönliche Gespräche mit Mimik und Gestik - das geht. E-Mails mit ewig langen Vertragsverhandlungen - gehen auch. Aber einen Anruf entgegen zu nehmen, empfinde ich als eine Qual. Aber gerade erscheint dein Name auf meinem Bildschirm und das iPhone surrt immer ungeduldiger. Mutig ziehe ich den Balken nach rechts und flüstere fast: "Hallo anh*."

Stille. Du räusperst dich auf der anderen Seite der Leitung. Ich glaube, du bist überrascht, mich telefonisch erreichen zu können. "Du klingst so lieblich." "Ah nein, bin nur müde, was gibt's denn?" Dann folgt ein Dialog, an den ich mich zwei Minuten später nicht mehr erinnern kann: gewollte Lachansätze, ganz viele Wie-geht's und Mir-geht-es-gut und Wie-läuft-das-Leben und Und-bei-dir. Wenn man wirklich beieinander sein möchte, wird man einen Weg finden. Aber manchmal mag man jemanden, man mag ihn ehrlich und richtig gern, und doch wird daraus nie etwas, weil die jeweiligen Wellen unterschiedliche Frequenzen besitzen. So ist das zwischen dir und mir. So war es schon immer und wird es auch immer sein, möchte ich dir jetzt sagen - am Telefon. Stattdessen quassele ich irgendetwas über Hausaufgaben und dass ich auflegen müsste. 

Ich hätte gerne den Mut, Nein auf Fragen zu antworten, die nicht gestellt werden und doch im Raum schweben. Den Willen, die Freundschaft zwischen uns aufzubauen. Oder die Geduld, bis sich vielleicht eines Tages etwas ändert. Ich hätte dich gerne als Freund, den ich anrufen kann, wenn es mir nicht gut gehe. Dich als jemanden, dem ich ganz ohne nachzudenken schreiben kann: "So müde heute, Lust auf einen Kaffee, mit mir?"

Stattdessen lasse ich alles lustlos weiterlaufen, wie es schon die letzten Monate schleppend lief, und ärgere mich über Chancen, die aufpoppen und verschwinden, über Gefühle, die sich ständig ändern, und über die Beziehung zwischen uns, der ich keinen gescheiten Namen geben könnte. Irgendwie scheint es plötzlich, tröstlich zu sein, dass wir in 10 Jahren zurückblicken und darüber lachen können. Hoffentlich gemeinsam. Ruf mich in 10 Jahren an und trink einen Kaffee. Mit mir.  

*anh: vietnamesisch, Anrede für männliche Personen, die etwas älter sind