"Ist alles wirklich so einfach?"
"Was denn einfach?"
"Sich trennen und einander vergessen."

Man weiß es nicht. Sie weiß es nicht. Heute wurde die verstaubte Schublade aufgeräumt und plötzlich stieß sie auf seine alten Briefe. Ein Gedicht, das er vor fast zehn Jahren schrieb, als sie noch Teenager waren und gerade erst zusammen kamen. Das schenkte er ihr zusammen mit einer Kette in Herzform und einer roten Rose, ohne zu wissen, dass sie weder Herzen noch Rosen noch kitschige Gedichte mochte. Ohne zu wissen, dass er sie von Anfang an mit seinem coolen Auftreten beeindruckt hätte, mit der Art, wie er ging, mit der Sprache, die er im Chat mit ihrer besten Freundin benutzte, mit dem Flow, während er tanzte. Damals war C-Walk der letzte Schrei und er - mittendrin. Sie ließ sich mit jedem seiner Schritte schleifen und war hin und weg. 

Damals schälte er sich eine Mandarine und bot ihrer Freundin etwas davon an. Er ignorierte sie. Vermutlich verliebte sie sich in diesem Augenblick in ihn. In sein Verhalten, in seine Erscheinung, sie verliebte sich in das Spiel, ihn für sich zu gewinnen. Er kränkte sie mit seinem Desinteresse und je mehr er sie nicht anschaute, desto stärker wuchs ihr Verlangen. Und dann kam eine Nacht nach der anderen, in denen sie gemeinsam Musik hörten und sich den Mond anschauten. Er flüsterte ihr ins Ohr, sie wäre so schön wie der Mond. Und sie ließ sich mit jedem seiner Worte verführen und war hin und weg. Damals war sie 15. 

Damals zählten und feierten sie jeden Monat ihres Zusammenseins. Das erste Mal. Den ersten Streit. Die erste gemeinsame Wohnung. Das erste Fremdgehen. Die erste Trennung. Die erste Verzeihung. Sie wuchsen gemeinsam auf und nahmen gemeinsam zu. Sie sprachen über Gott und die Welt und eine Familie und Kinder - eines Tages. Sie lagen tagelang im Bett und schauten sich Serien an und bestellten Pizza nach Hause. Sie wurden beste Freunde und Liebhaber und die Zukunft voneinander. Er nannte sie Pups. Sie gab ihm ein Synonym dessen. Und manchmal schaute sie ihn an und sah vor ihren Augen: die große Liebe. Ihre Sicherheit, die Schulter zum Anlehnen, die Wangen zum Beißen, die Hände zum Wärmen. Er wäre der beste Papa ihrer Kinder. Der beste Mann an ihrer Seite. Damals war sie 21.

Drei Jahre später zog er aus. Der Berliner Himmel brachte in zwei Hälften und sein Herz in Millionen Splitter. Man konnte es nicht fassen. Sie verließ ihn beinah ohne Grund und sicher nicht mit dem Gedanken, sich einen Millionär zu angeln. Sie zwang ihn zu gehen und wusste, es könnte die schwachsinnigste Entscheidung ihres Lebens werden. Heute fand sie sein Gedicht und manche Briefe und einige Postkarten. Dann und wann dachte sie an ihn und ihre Vergangenheit, die nach ihr rief. Sie traute sich nicht umzudrehen. Die Stadt ist so groß und doch so klein. Manchmal wollte sie ihn suchen. Oft wollte sie ihn vergessen. Überall hingen Erinnerungen.

Heute wären sie neun Jahre zusammen. 

PS: Wenn du diese Zeilen liest, hoffe ich, dass es dir gut geht und dass du den 23.1. vergessen hast. Wenn du diese Zeilen liest, hoffe ich, dass du weißt, wie gern ich dich nach wie vor habe, selbst wenn ich mich nie melde, und dass ich mehr von dir erfahren möchte, selbst wenn ich nie danach frage. Hab bitte einen schönen Tag bei einem schönen Menschen. In Liebe, Pups. 

La La Land an einem Freitagabend mit der besten Freundin in einem kleinen, aber familiären Kinosaal, während alle anderen irgendwo tanzen oder trinken, fühlte sich warm an. Vielleicht hört es sich komisch an, wenn ich sage, dass ein Film sich warm anfühlte, aber genau dieses leichte Kribbeln lag auf meinem Arm, als die Gardinen nach zwei Stunden schlossen. Wir saßen noch eine ganze Weile in unseren grauen Sitzen, bis alle anderen Besucher um uns herum den Saal verlassen hatten, versunken in den eigenen Gedanken. Ich streifte mehrmals über mein etwas nasses Gesicht und lächelte die wenigen Tränen weg. Eigentlich fühlte sich der Film warm an. Und doch wollte ich nur weinen. Um Mia, um Sebastian, um Liebesgeschichten, die kein gutes Ende bekommen, ein bisschen um mich und ihn und eine Geschichte, die nicht einmal einen Anfang verdiente.  

Ich sah Stunden später noch Emma Stone vor mir, wirbelnd in zahlreichen bunten Kleidern, und Ryan Gosling sitzend am Klavier, und ich summte die Melodien der Soundtracks und ich träumte von Los Angeles und diesem rosa-lila Himmel. Ich flog durch Zeit und Raum und stellte mir mein eigenes Leben in fünf Jahren vor, vielleicht mit Mann und Kind und Erinnerungen an eine Zeit, die mit Aufregungen und Tränen gepflastert ist. La La Land ließ alles so spielerisch erscheinen, jede Sekunde könnte aus einem Roman stammen und manchmal sollte man Dinge loslassen, um im Leben weiterzukommen. Plötzlich wollte ich tanzen und singen, als wenn die Welt sich nur um mich drehe. Ich wollte so gern der Realität entfliehen und irgendwohin reisen, wo mir der Tag und die Nacht gehören und wo ich selbst bestimmen kann, was ich tue und wen ich lieben darf. 

"Für alle, die zu träumen wagen." - sagt das Poster zum Film. Und ich sehe wieder diesen atemberaubenden Sonnenuntergang vor mir, schöner als jeder Instagramfilter es je könnte, und zwei Menschen, die wie füreinander geschaffen wurden und es bis zum Ende des Films nicht wieder zueinander fanden. Und ich ließ meine Träume zurück an der Tür und zog mein iPhone aus der Tasche, schaltete das Internet ein und schloss ein letztes Mal kurz die Augen. Noch immer: der LA-Himmel und ihre Stimme und sein Blick. Und dann legte ich einen Fuß über die Türschwelle und einen zweiten. Zuhause. Gegenwart. Drei Nachrichten und so viel Kopfzerbrechen. 

Freitagabend und La La Land in einem kleinen Kino mit der besten Freundin. Zwei Stunden für einen Traum, der nie wahr werden wird. 
photo by Tran Bao Chau

"Happy New Year!" Um uns herum fallen Paare sich in die Arme, sie küssen, sie lachen, sie strahlen mit den tobenden Feuerwerken um die Wette. Ein neues Jahr ist eben angebrochen und fühlt sich genauso an wie eine Minute zuvor.  Meine Finger klammern sich ganz fest an den heißen Teebecher und ich blicke in die Himmel. Ein Lichtermeer. Alles glitzert und explodiert und verschwindet, um Platz für weitere Riesenblumen zu räumen. Die Figuren konkurrieren um jede freie Sekunde, eine rund, andere bunt. Und plötzlich möchte ich selbst mit explodieren, da oben über den Köpfen der Menschen, die sich gerade mit mir das Spektakel beobachten. Ich will aufgehen und strahlen und das neue Jahr willkommen heißen. Mich freuen. 2017 mit vollem Herzen empfangen. 

Ich habe mir zum Jahreswechsel nie Ziele aufgeschrieben, weil ich weiß, dass ich mich sowieso nie daran halten würde. Sport jede Woche? Unmöglich. Keine Süßigkeiten? Unsinnig. Jeden Tag in die Uni? Im Traum. Aber ich nehme mir immer vor, das Beste zu geben, bei allem, was ich tue. 2016 fühlte sich an wie Wellen, die andere Wellen überschlagen. Ich tauche auf, lasse mich tragen, werde herunter gedrückt und schnappe nach Luft. Ich reise und genieße: die Straßen, das Fremde, die Mitreisenden. Ich bleibe und trauere: um Momente, die so viel und gleichzeitig nichts bedeuten, um Nächte, die alles aus mir heraus saugen, und darauf folgende Tage, die nicht ausreichen, um mich wieder zu erholen. Ich laufe und falle, ich bleibe stehen und merke, dass alles an mir vorbei zieht. 2016 war nicht das schönste Jahr und ich blicke immer noch gerade heraus, ängstlich und müde - aber voller Hoffnung. Ich will mehr von der Welt sehen, mehr erleben, mehr fühlen. Und ich wünsche mir so sehr, 2017 nichts bereuen zu müssen.

Ich stehe noch eine ganze Weile da und lasse mich von der Umgebung hypnotisieren. Jedes Jahr dasselbe, jedes Jahr bin ich nicht bereit, die letzten 365 Seiten abzuschließen. Weigere mich, das Buch zu schließen und blättere mich stattdessen durch. Fühle jede Silbe zwischen meinen Fingern und streiche behutsam über die Erinnerungen. Jede Person, die in mein Leben eingetreten und aus ihm getreten ist. Jede der schlaflosen Nächte. Jedes oberflächliche Selfie. Jeden Döner. Jeden Kuss. Ich könnte an den Händen abzählen, wieoft ich meine Augen geschlossen und den Kopf zur Seite geneigt habe. Und merke plötzlich, dass ich jedes einzelne Mal daran zweifle, dass ich danach stets auf meine Lippen beiße. Und bereue. Weil die Person falsch ist, weil ich klammere, weil ich nicht abschließe, weil ich zu viel will, weil es mir gleichzeitig gefällt und doch so weh tut. 

Aber: Ich habe auch genossen. Seine Aufmerksamkeit. Den Augenblick, alles fallen zu lassen und einzig und allein auf mein Herz zu hören. Immer wieder. Vermutlich habe ich noch nie in meinem Leben so viel Kopfloses getan und doch: Ich habe gelernt, naiv zu sein. Fehler zu machen und mir diese einzugestehen. Immer wieder. Wahrscheinlich habe ich noch nie so viel empfunden, und das obwohl ich nicht auf Achterbahnfahrten stehe. Und dennoch: Ich habe mich lebendig gefühlt und könnte jeden Staubkorn wahrnehmen, der bei meinem Lachen in der Luft tänzelt.

2016, ich habe viel gelernt und gekämpft.

2017, lass mich weiter lernen und kämpfen. Lass mich gewinnen.