La La Land an einem Freitagabend mit der besten Freundin in einem kleinen, aber familiären Kinosaal, während alle anderen irgendwo tanzen oder trinken, fühlte sich warm an. Vielleicht hört es sich komisch an, wenn ich sage, dass ein Film sich warm anfühlte, aber genau dieses leichte Kribbeln lag auf meinem Arm, als die Gardinen nach zwei Stunden schlossen. Wir saßen noch eine ganze Weile in unseren grauen Sitzen, bis alle anderen Besucher um uns herum den Saal verlassen hatten, versunken in den eigenen Gedanken. Ich streifte mehrmals über mein etwas nasses Gesicht und lächelte die wenigen Tränen weg. Eigentlich fühlte sich der Film warm an. Und doch wollte ich nur weinen. Um Mia, um Sebastian, um Liebesgeschichten, die kein gutes Ende bekommen, ein bisschen um mich und ihn und eine Geschichte, die nicht einmal einen Anfang verdiente.  

Ich sah Stunden später noch Emma Stone vor mir, wirbelnd in zahlreichen bunten Kleidern, und Ryan Gosling sitzend am Klavier, und ich summte die Melodien der Soundtracks und ich träumte von Los Angeles und diesem rosa-lila Himmel. Ich flog durch Zeit und Raum und stellte mir mein eigenes Leben in fünf Jahren vor, vielleicht mit Mann und Kind und Erinnerungen an eine Zeit, die mit Aufregungen und Tränen gepflastert ist. La La Land ließ alles so spielerisch erscheinen, jede Sekunde könnte aus einem Roman stammen und manchmal sollte man Dinge loslassen, um im Leben weiterzukommen. Plötzlich wollte ich tanzen und singen, als wenn die Welt sich nur um mich drehe. Ich wollte so gern der Realität entfliehen und irgendwohin reisen, wo mir der Tag und die Nacht gehören und wo ich selbst bestimmen kann, was ich tue und wen ich lieben darf. 

"Für alle, die zu träumen wagen." - sagt das Poster zum Film. Und ich sehe wieder diesen atemberaubenden Sonnenuntergang vor mir, schöner als jeder Instagramfilter es je könnte, und zwei Menschen, die wie füreinander geschaffen wurden und es bis zum Ende des Films nicht wieder zueinander fanden. Und ich ließ meine Träume zurück an der Tür und zog mein iPhone aus der Tasche, schaltete das Internet ein und schloss ein letztes Mal kurz die Augen. Noch immer: der LA-Himmel und ihre Stimme und sein Blick. Und dann legte ich einen Fuß über die Türschwelle und einen zweiten. Zuhause. Gegenwart. Drei Nachrichten und so viel Kopfzerbrechen. 

Freitagabend und La La Land in einem kleinen Kino mit der besten Freundin. Zwei Stunden für einen Traum, der nie wahr werden wird. 
photo by Tran Bao Chau

"Happy New Year!" Um uns herum fallen Paare sich in die Arme, sie küssen, sie lachen, sie strahlen mit den tobenden Feuerwerken um die Wette. Ein neues Jahr ist eben angebrochen und fühlt sich genauso an wie eine Minute zuvor.  Meine Finger klammern sich ganz fest an den heißen Teebecher und ich blicke in die Himmel. Ein Lichtermeer. Alles glitzert und explodiert und verschwindet, um Platz für weitere Riesenblumen zu räumen. Die Figuren konkurrieren um jede freie Sekunde, eine rund, andere bunt. Und plötzlich möchte ich selbst mit explodieren, da oben über den Köpfen der Menschen, die sich gerade mit mir das Spektakel beobachten. Ich will aufgehen und strahlen und das neue Jahr willkommen heißen. Mich freuen. 2017 mit vollem Herzen empfangen. 

Ich habe mir zum Jahreswechsel nie Ziele aufgeschrieben, weil ich weiß, dass ich mich sowieso nie daran halten würde. Sport jede Woche? Unmöglich. Keine Süßigkeiten? Unsinnig. Jeden Tag in die Uni? Im Traum. Aber ich nehme mir immer vor, das Beste zu geben, bei allem, was ich tue. 2016 fühlte sich an wie Wellen, die andere Wellen überschlagen. Ich tauche auf, lasse mich tragen, werde herunter gedrückt und schnappe nach Luft. Ich reise und genieße: die Straßen, das Fremde, die Mitreisenden. Ich bleibe und trauere: um Momente, die so viel und gleichzeitig nichts bedeuten, um Nächte, die alles aus mir heraus saugen, und darauf folgende Tage, die nicht ausreichen, um mich wieder zu erholen. Ich laufe und falle, ich bleibe stehen und merke, dass alles an mir vorbei zieht. 2016 war nicht das schönste Jahr und ich blicke immer noch gerade heraus, ängstlich und müde - aber voller Hoffnung. Ich will mehr von der Welt sehen, mehr erleben, mehr fühlen. Und ich wünsche mir so sehr, 2017 nichts bereuen zu müssen.

Ich stehe noch eine ganze Weile da und lasse mich von der Umgebung hypnotisieren. Jedes Jahr dasselbe, jedes Jahr bin ich nicht bereit, die letzten 365 Seiten abzuschließen. Weigere mich, das Buch zu schließen und blättere mich stattdessen durch. Fühle jede Silbe zwischen meinen Fingern und streiche behutsam über die Erinnerungen. Jede Person, die in mein Leben eingetreten und aus ihm getreten ist. Jede der schlaflosen Nächte. Jedes oberflächliche Selfie. Jeden Döner. Jeden Kuss. Ich könnte an den Händen abzählen, wieoft ich meine Augen geschlossen und den Kopf zur Seite geneigt habe. Und merke plötzlich, dass ich jedes einzelne Mal daran zweifle, dass ich danach stets auf meine Lippen beiße. Und bereue. Weil die Person falsch ist, weil ich klammere, weil ich nicht abschließe, weil ich zu viel will, weil es mir gleichzeitig gefällt und doch so weh tut. 

Aber: Ich habe auch genossen. Seine Aufmerksamkeit. Den Augenblick, alles fallen zu lassen und einzig und allein auf mein Herz zu hören. Immer wieder. Vermutlich habe ich noch nie in meinem Leben so viel Kopfloses getan und doch: Ich habe gelernt, naiv zu sein. Fehler zu machen und mir diese einzugestehen. Immer wieder. Wahrscheinlich habe ich noch nie so viel empfunden, und das obwohl ich nicht auf Achterbahnfahrten stehe. Und dennoch: Ich habe mich lebendig gefühlt und könnte jeden Staubkorn wahrnehmen, der bei meinem Lachen in der Luft tänzelt.

2016, ich habe viel gelernt und gekämpft.

2017, lass mich weiter lernen und kämpfen. Lass mich gewinnen. 

photo by Le Hoang Nam

Wir fahren durch Winterlandschaften und staunen über den ersten Schnee, der sich wie eine leichte Decke auf alles legt. Nur eine dünne Schicht Kristall, schimmernd im Licht, glitzernd in unseren lebhaften Augen. Plötzlich werden wir ganz kleine Kinder, die den Schnee zum erste Mal im Leben sehen. 

Ich versuche mit dem Smartphone das Bild, was sich vor meinen Augen erstreckt, festzuhalten. Doch dann halte ich inne. Beobachte. Verblüffe. So fein, so leicht, so edel präsentiert sich die Szenerie auf der anderen Seite des ungeputzten Fensters der ICE. Ein paar Schneeflocken segeln in der Luft und genießen ihre Reise, bevor sie ihr Ziel auf einem der kahlen Baumäste erreichen. Gedankenlos strecke ich meine Hand aus und werde von der kalten Fensterscheibe ernüchtert. Draußen baumeln immer mehr Wattebäusche vom Himmel... 

Ich könnte sie berühren, die Schneeflocken durch meine Hand rieseln lassen. Es trennen mich nur ein paar Zentimeter Glas von ihnen. Ich könnte dich berühren, deine Haut durch meine Fingerspitzen gleiten lassen. Es trennt mich nur eine Nachricht von dir. Und vielleicht ein weiterer Moment der Unüberlegtheit, eine Sekunde, in der ich auf meine Sicherheit verzichte, die Augen sachte zuschließe und die Lippen sanft öffne, einmal ein Idiot sein, damit du in dieser Sekunde, in der mein Herz in Feuerwerke aufgeht, eines wirst. Meins. 

Denn manchmal, trotz all dem, was ich mir nachts zuflüstere, bevor ich zu Bett gehe, dass alles seine Gründe hat und dass ich nicht anders handeln konnte, wie mein Kopf es für richtig gehalten hätte, schmecke ich das Salz meiner Tränen und die Bitterkeit der Silben, die meine Lippen nie verlassen konnten. Denn manchmal, da bereue ich es, jemals mein Herz für dich geöffnet zu haben und dass es sich seitdem wie eine Schürfwunde anfühlt, die nur weh tut, wenn man mit den Fingern darüber streift. Man kann mit ihr wie gewohnt leben, laufen, sprechen, lachen, aber gerade dann, wenn man sie vergisst und keinen bunten Pflaster mehr darauf klebt, fasst man sie aus Versehen an und plötzlich merkt man wieder ihre Existenz. Wie sehr er auch aufpasst, ein Tollpatsch stolpert immer, egal, wie leer die Straße ist und wie flach seine Schuhe. 

Hättest du meine Hand genommen, wäre ich vielleicht nicht hingefallen.

Wund. Ich fühle mich wund. 

Und doch heilen manche Wunden vollständig.